Bildkacheln als Quellen

Salzburg Museum, Depot Bürgerspital, Model mit der Darstellung des Geruchsinns (Inv. SM-K-7500/49)
Festung Hohensalzburg, Goldene Stube, Kachel mit der Darstellung des Bischofs Leonhard von Keutschach, dat. 1501
Landesmuseum Joanneum Graz, Kulturhistorische Sammlungen, Keramikrelief mit gekrönter Lautespielerin, Mitte 15. Jahrhundert (Inv. LMJ-D-5791)

 

Bildkacheln als Quellen spätmittelalterlicher Kommunikationsräume und Medien der Wohnkultur

Ausgangspunkt der Untersuchung bildet die Annahme, dass das Bildmedium Ofenkachel nicht nur als dekoratives Artefakt, sondern als dingliche Manifestation sich wandelnder Mentalitäten und Bedürfnisse zu verstehen ist. Das wiederum öffnet den Blick auf den Prozess der komplexen Wechselwirkung zwischen Mensch und Objekt, Produzenten und Konsumenten, Kommunikations- und Überlieferungsprozessen.
Die österreichische Kachelforschung konzentrierte sich bislang vorrangig auf kunstgeschichtliche Betrachtungen (Rosemarie Franz, Christa Svoboda, Konrad Strauss), von archäologischer Seite existieren lediglich Bearbeitungen einzelner Fundkomplexe ohne einheitlichen Aufnahmemodus. Zudem herrscht eine strikte Trennung zwischen den Fächern Archäologie, Kunstgeschichte und Volkskunde vor. Das antiquarische Interesse an Kacheln ist nach wie vor rege, von einer nachvollziehbaren Bewertung der Stücke kann aber keine Rede sein.
Das primäre Ziel des Projekts war eine standardisierte, flächendeckende und interdisziplinäre Erfassung des mittelalterlich-frühneuzeitlichen österreichischen Kachelmaterials mit Bildinhalten, vergleichbar des für den deutschen Raum von Harald Rosmanitz initiierten Online-Forums „Furnologia“. Die verschiedenen Quellenbasen wurden erschlossen und aufbereitet sowie materialgerechte Bearbeitungsmethoden entwickelt und Interpretationsansätze geliefert. Auf der Basis des geschaffenen Datenpools wurden die archäologisch-technischen, ikonographischen, handwerks-, handels- und wirtschaftsgeschichtlichen sowie realienkundlichen Aspekte anhand ausgewählter Komplexe untersucht. Dazu wurde die bestehende realienkundliche Datenbank „Raumordnungen“  des IMAREAL entsprechend den interdisziplinären Gesichtspunkten adaptiert. Das gesamte in der Datenbank erfasste Material wurde über die Datenbank Raumordnungen der Scientific Community zur Verfügung gestellt und kann auch bei antiquarischen Fragestellungen zur Recherche herangezogen werden.
2008 konzentrierten sich die Arbeiten zunächst auf die Suche nach potentiellen Kachelbesitzern und Kachelsammlern in Ostösterreich. Hierzu wurden sämtliche Landesmuseen, kunst- und kulturhistorischen Sammlungen, Heimatmuseen, Schlösser, Burgen und Stifte sowie bereits bekannte Privatsammler berücksichtigt. Insgesamt kamen 353 Institutionen und Personen in Ostösterreich in Frage. Die Bestandserhebung ergab 107 positive Rückmeldungen über Bestände unterschiedlichster Größenordnungen. Die Bundesländer Salzburg, Oberösterreich, Niederösterreich, Burgenland, Steiermark und Kärnten wurden flächendeckend erfasst, ein erster Kontakt zum MAK Wien hergestellt. Wenn von Seiten des Museums Unsicherheiten zum Bestand vorlagen, wurde das Material vor Ort gesichtet und vorab fotografisch dokumentiert.
Als erste große Sammlungen wurden 2009 jene der Kulturhistorischen Sammlung am Steiermärkische Landesmuseum Joanneum, sowie die des Salzburg Museum erfasst. Da die kulturhistorische Sammlung aus Graz für unbestimmte Zeit in ein Zwischendepot verschwinden muss, war die Dokumentation dieser umfangreichen Sammlung absolut vorrangig.
Im Salzburg Museum hingegen standen wir vor der glücklichen umgekehrten Situation: hier wird das nach dem 2. Weltkrieg angelegte Zwischendepot im Bürgerspital ausgeräumt, die Kacheln gereinigt und neu aufgestellt.
Seit Anfang 2009 befindet sich darüber hinaus der Nachlass der auf diesem Sektor wichtigsten österreichischen Forscherin, Rosemarie Franz, am Institut. Der Inhalt dieses umfangreichen Nachlasses wird (abgesehen von urheberrechtlich eingeschränktem Material) ebenso in der Datenbank erfasst und stellt einen unschätzbaren Wert für die Kachelforschung dar.

Projektleitung: Elisabeth Vavra, Thomas Kühtreiber
Projektbearbeitung: Jasmine Wagner
Projektende: 2015