Das „andere“ Mittelalter

Feiertagschristus
Hl. Elisabeth

Das „andere“ Mittelalter – Realien, Mentalitäten, Theorien

Das Projekt konstruierte und diskutierte die These, dass das praktische, profane Leben im (späten) Mittelalter an einer ganz konkreten Meistererzählung orientiert ist: an der christlichen Meta-Erzählung schlechthin, nämlich dass es ungeachtet alltäglicher Devianzen für jedes Individuum nichts Wichtigeres geben kann als das ewige Leben zu erreichen. In dieser Perspektive brachte das Projekt die religiöse Didaktik des christlichen Mittelalters nicht als Mittel obrigkeitlicher Repression zur Sprache, sondern als Mittel einer Prävention, die im Wortsinn seel-sorglich (= auf die Erlösung hin) ausgerichtet bzw. aufzufassen ist. Darauf beruhte die Arbeitshypothese, dass die christliche Meta-Erzählung dann erheblich in die säkulare/profane Lebensführung von Individuum und Gesellschaft hineingewirkt haben müsste. Insofern erörterte das Projekt die kulturelle Fremdheit des christlichen Mittelalters.
Angelpunkt der diesbezüglich entwickelten Sichtweise ist die Dialektik der augustinischen Weltsicht (terrena civitas vs. civitas Dei) bzw. in engstem Zusammenhang damit das System Laster vs. Tugenden: Da die Laster zufolge Augustinus das jenseitige Leben verhindern, jedoch das diesseitige Leben präfigurieren, definieren sie für die Arbeitshypothese des Projekts einen infiniten säkularen/profanen Referenzbereich. Die christliche Meta-Erzählung erscheint dadurch als hochrelevantes Referential für Befragungs- und Interpretationsmöglichkeiten (spät-) mittelalterlicher Anthropologie, Mentalität und Alltagskultur.

Wie breitgefächert die religiöse Durchdringung der säkularen/profanen Soziokultur gedacht werden kann, zeigt die Semiotik der religiösen Symbolfigur des „Narren“: Der „Narr“ ist durch die Bibel kategorisiert als verstockter Gottesleugner, und gemäß dieser maximalen Läster-ung instrumentalisiert ihn die religiöse Didaxe als universalen Exponenten sämtlicher Laster. In dieser Funktion symbolisiert der „Narr“ die Existenz all dessen, womit ein maligner Habitus („der Teufel“) den Erfolg der Meta-Erzählung sabotieren kann. Veranschaulicht werden die Laster anhand trivialer/ubiquitärer Alltagssituationen, Persönlichkeitsstrukturen, Denk- und Handlungsmuster. Diesbezügliches Referenzwerk ist das „Narrenschiff“ von Sebastian Brant.

In kulturwissenschaftlicher Dekonstruktion erscheint es konsistent, die Laster weder vom religiösen Erklärungspotenzial des „Narren“, noch vom gelebten Alltag des Mittelalters abzukoppeln. Die moderne Psychologie, die den Lastern zeitgemäßere Begrifflichkeiten eröffnet, bestätigt ihre lebenspraktische Verortung. Die Bedeutungsfelder des christlichen Lasterkatalogs sind individual- und sozialpsychologisch derart schwergewichtig, dass es geradezu absurd wäre, die christliche Meta-Erzählung etwa als theologisches Konstrukt hinzustellen, das für Laien und deren säkulares Leben vernachlässigbar (gewesen) wäre. Aus der gleichen Überlegung resultiert das Postulat, den herkömmlichen Referenzbereich des religiös fundierten mittelalterlichen Ordnungsbegriffs (ordo) erheblich zu erweitern, nämlich die profanen/säkularen Lebensbereiche des Mittelalters ausdrücklich inkludierend.

Das Projekt war inhärent interdisziplinär: Es fokussiert religionsgeschichtliche, historisch-anthropologische, ikonologische und psychologische Perspektiven kulturwissenschaftlich auf die Mentalitäten und auf Ausformungen von Alltag und Sachkultur im späten Mittelalter.

Projektleitung: Helmut Hundsbichler
Projektende: 2013