material(i)ties

 
In der Forschungsperspektive Materialities stehen die Materialien, welche als Werk-Stoffe die Grundlage materieller Kultur bilden, im Mittelpunkt des Interesses. Der Umgang mit Materialien wird von unterschiedlichen Faktoren beeinflusst: Die physischen Eigenschaften des Materials ergeben Potenziale hinsichtlich seiner Nutzung, seiner Be- und Verarbeitung und seiner Sinnangebote in abstrakt-symbolhaften Kontexten. In der Interaktion mit dem Material wird Wissen generiert, das in Form bestimmter Vorstellungen, Wertungen und Bedeutungszuschreibungen in das System kulturellen Wissens einfließt und von dort wiederum zurückwirkt auf die Wahrnehmung und Bewertung des Materials. Unser Ziel ist, die Bedeutung solcher Rückkoppelungsprozesse für die Gestaltung und Erfahrung von ‚Wirklichkeit‘ in je spezifischen kulturellen, räumlichen und zeitlichen Zusammenhängen zu erfassen. Einen zentralen methodischen Zugang bilden hierbei die Digital Humanities: Neben der Quellenerschließung auf Basis der am IMAREAL vorhandenen digitalen Ressourcen werden Forschungstools zur Analyse und Aufbereitung der Ergebnisse für die scientific community bereitgestellt.
Die Beschäftigung mit den materialen Parametern mittelalterlicher und frühneuzeitlicher materieller Kultur eröffnet eine große Bandbreite an möglichen Fragestellungen: Welche Rolle spielen Materialien für zeitgenössische Medien wie etwa Bild und Text (hier liegt der Fokus auf der Materialauswahl) und in verschiedenen Medien (hier geht es um Prozesse der Medialisierung und Diskursivierung von Material)? Wie und warum werden unterschiedliche Materialien zu einander in Beziehung gesetzt und wie entstehen durch Intermaterialität Bedeutungsnetzwerke? Besonders aufschlussreich sind Inkongruenzen zwischen kulturell bedingten Zuschreibungen und Erwartungen einerseits und den physischen Materialeigenschaften andererseits, die dann in einer scheinbaren Widerspenstigkeit des Materials resultieren und so den Blick öffnen für die Dialektik zwischen empirischem und tradiertem Materialwissen. Von Bedeutung ist weiters die Frage, welche Effekte durch den Einsatz bestimmter Materialien erzielt bzw. welche Affekte beim Menschen durch die sinnliche Wahrnehmung bestimmter Materialeigenschaften ausgelöst werden. Davon ausgehend lässt sich erschließen, wie Materialien auf der emotionalen Ebene zur Herausbildung von ‚Welt-Bildern‘ beitragen. All diesen Fragen liegt das Interesse an den Beziehungen – den ties – zugrunde, die Mensch und Material, aber auch Materialien untereinander, eingehen können: das Interesse an Material(i)ties.

Unsere Überlegungen stellen die Weiterentwicklung von konkreten Fragestellungen und Zugängen dar, mit denen wir uns bereits beschäftigt haben:

Thomas Kühtreiber, Elisabeth Vavra, Alle über einen Kamm geschert? Zwei Kämme im Vergleich zwischen Gebrauchs- und Prestigeobjekt, in: Neue Alte Sachlichkeit. Studienbuch Materialität des Mittelalters, hrsg. v. Jan Keupp und Romedio Schmitz-Esser, Ostfildern 2015, S. 191-219.

Heike Schlie, Diesseits und Jenseits des Bildes. Körperwunde, Textilriss und Bildöffnung als Figuren des Liminalen, in: Bild-Riss. Textile Öffnungen im ästhetischen Diskurs, hrsg. von Mateusz Kapustka, Emsdetten/Berlin 2015, S. 59-83

Heike Schlie, Das Holz des Lebensbaumes, des Kreuzes und des Altarretabels. Die Cranach'sche Neufassung einer sakramentalen Bildgattung, in: Das Bild des neuen Glaubens. Das Cranach-Retabel in der Schneeberger St. Wolfgangskirche, hrsg. von Thomas Pöpper und Susanne Wegmann, Regensburg 2011, S. 101-117

Teilprojekte

Ein erstes Teilprojekt wird sich dem Material „Holz“ widmen. Für die Projektentwicklung und Auswahl an Kooperationspartnern findet vom 28. bis 30. September 2016 in Krems/Donau der Workshop „Holz in der Vormoderne. Werk-Stoff | Wirk-Stoff | Kunst-Stoff“ statt.