Bedeutsame Dinge

Bedeutsame Dinge: Zur Rolle materieller Objekte in Thürings von Ringoltingen Melusine

In der klassischen figurenzentrierten Erzähltextanalyse wird den erzählten materiellen Objekten meist nur eine untergeordnete Bedeutung beigemessen, was damit zu tun haben mag, dass der Begriff ‚Objekt‘ keine Entsprechung in Form einer klar umrissenen narratologischen Kategorie besitzt. Objekte können jedoch in Erzähltexten auf komplexe Beziehungsnetzwerke und alternative Sinndimensionen verweisen, wodurch sich ihre Funktionalität nicht auf den Status von Requisiten, Werkzeugen oder Attributen beschränken lässt. Die handelnden Figuren eines Textes stehen in vielfältigen Beziehungen zu Elementen der materiellen Kultur, gleichwohl aber können materielle Objekte Beziehungen stiften oder auch in Beziehung zueinander treten; dies kann etwa dann der Fall sein, wenn einander ähnliche oder gleichartige Dinge (beispielsweise eine bestimmte Waffe) in unterschiedlichen Handlungssequenzen zum Einsatz kommt, oder aber wenn bestimmte Dinge ein ‚konnotatives Erbe‘ mit sich bringen, das gegebenenfalls intertextuellen Verweischarakter besitzt. Ähnlich, wie der gestimmte Raum, als dessen wesentliche Konstituenten materielle Requisiten fungieren können, ein bestimmtes semantisches setting eröffnet, können auch die materiellen Requisiten selbst bereits mit Bedeutung aufgeladen und somit gewissermaßen ‚gestimmt‘ sein.
In der Dissertation wird an einem Erzähltext der frühen Neuzeit – der Melusine Thürings von Ringoltingen – eine objektfokussierte Analyse erprobt und gleichzeitig der Status von materiellen Objekten in theoretisch-methodischer Hinsicht ausgelotet: es geht also nicht nur um die Frage, was Dinge in Erzählungen bedeuten, sondern vor allem auch darum, wie sie bedeuten und auf welche Weise sie für die Erschließung eines Textes hilfreich sein können. Diesen Fragestellungen wird auf zwei Ebenen nachgegangen: zunächst wird in einer vornehmlich textimmanenten Herangehensweise untersucht, wie sich durch den Blick auf Objekte unterschiedliche Strukturen und Beziehungsnetzwerke im Text sichtbar machen lassen, die sonst nicht oder nur ansatzweise ins Blickfeld kämen, das Verständnis des Textes jedoch maßgeblich beeinflussen. Wie also können Objektbeziehungen – und dies umfasst sowohl Beziehungen zwischen Figuren und Objekten als auch Beziehungen zwischen Objekten – bestimmte Sinnangebote des Textes akzentuieren oder neue, alternative generieren? In einem weiteren, rezeptionsästhetisch orientierten Schritt wird danach gefragt, welche Rolle der Materialität des Textes und im Besonderen seiner Medialität zukommt: wie können Objekte speziell im Medium der Handschrift im Zusammenspiel von Text und Bild ‚Vollzugsräume‘ eröffnen? Und kann eine objektorientierte Betrachtungsweise neue methodische Impulse für die Untersuchung von Text-Bild-Ensembles bieten? Dies wird am Beispiel der beiden illustrierten Melusine-Handschriften (GNM Nürnberg, HS 4028 und UB Basel, Cod. O I 18) versucht und vor dem Hintergrund bisheriger Forschungsansätze kritisch beleuchtet. Methodisch angebunden ist die Arbeit an die am Institut für Realienkunde des Mittelalters und der frühen Neuzeit entwickelte Forschungsperspektive 'object links – objects link'.
Dissertationsprojekt von Gabriele Schichta