Brotkrumen für die Armen? Ungleichheit im Spiegel institutionalisierter Nahrungsversorgung für Arme in Spätmittelalter und früher Neuzeit

 

Nahrung ist ein existenzielles menschliches Bedürfnis. Es ist evident, dass soziale Ungleichheit zwischen Individuen, Kommunitäten und Gesellschaftsschichten über die Nahrungsversorgung und Ernährungs(un)sicherheit generiert wurde und wird. Wer verminderte Chancen hat, Nahrung zu erzeugen, zu erwerben und/oder Vorräte anzulegen, ist bedroht, Hunger zu leiden. Armut und Hunger sind im Sinne von verbindlichen Begriffen schwer fassbar, da individuelle Erfahrungen und gesellschaftliche Wahrnehmungen bzw. Bewertungen in der Regel voneinander abweichen.
Nahrung gehört neben Kleidung und Wohnen zu den grundlegenden identitätsstiftenden kulturellen Phänomenen, deren Zeichenhaftigkeit für soziale Gruppen allerdings umso geringere „Signale“ aussendet, je marginalisierter diese ist. Die normativen Regelungen wie auch die Alltagspraxis der institutionalisierten Versorgung von „Armen“ mit Nahrung bietet aber die Möglichkeit, die Konstruktion der „Realität“ von Armut und den Umgang mit selbiger aus der Perspektive materieller Objekte in Form von Nahrungsmitteln beschreiben und interpretieren zu können.
Im geplanten Projekt, das an die neuen Forschungsperspektiven des Instituts anschließt,  soll die Wechselwirkung von Nahrung und Ungleichheit konkret am gesellschaftlichen Umgang mit Hunger und Mangelernährung  im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit untersucht und aufgezeigt werden. Das Projekt untersucht das Problem der Ernährung von Armen im Kontext von institutionellen Fürsorgemaßnahmen des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit (14. - 17. Jahrhundert). Es zielt ab auf die komparative Analyse von Idealen, Praktiken und Diskursen zur Ernährungssituation der gesellschaftlichen Randgruppen. Dies geschieht durch kritische Sichtung und Auswertung von Texten, Bildern und archäologischem Material. Quellen für den niederösterreichischen Raum und die Nachbarregionen sind für den gesamten Zeitraum zahlreich vorhanden: Predigten und religiöse Bilddidaxe, Hagiographien, Rechnungsbücher und archäologische Befunde aus Bürgerspitälern sowie städtische Ordnungen.

Das Projekt ist im Forschungsverbund Nahrung verankert, das von der Forschungsinitiative Interdisziplinäre Regionalstudien (FIRST) durchgeführt und mit Mitteln des Landes Niederösterreich gefördert wird. Ziel ist die Etablierung und weitere Fortführung der kultur- und sozialwissenschaftlichen Nahrungsforschung (Food Studies), die historische und gegenwartsbezogene Fachdisziplinen in einer Langzeitperspektive verbindet.

 

Projektleitung: Ingrid Matschinegg

Projektdauer: 2016-2018