neu erschienen:

My Favourite Things. Object Preferences in Medieval and Early Modern Material Culture.
04.07. 2019
Kategorie: Neuigkeiten

Materielle Dinge spielen mittlerweile auch in der neueren kultur- und sozialwissenschaftlichen Forschung eine wichtige Rolle, was sowohl in zahlreichen Publikationen, als auch in vielen Veranstaltungen gegenwärtig zum Ausdruck kommt, die Things oder Objects im Titel anführen. Trotz der Dichte an bereits vorliegenden Forschungsergebnissen bleibt noch Platz für neue Fragestellungen. Mit der Frage nach den “favourite things” wollen wir die derzeit sehr produkive Diskussion weiterführen und das Besondere an den Bindungen zu den Dingen in den Fokus nehmen. Den zeitlichen Rahmen bildet das Mittelalter und die frühe Neuzeit. Wir möchten uns an dieser Stelle bei allen TeilnehmerInnen bedanken, die sich auf der "Favourite Things"-Tagung im Dezember 2014 in Salzburg an dieser Diskussion beteiligt haben und ganz besonders jenen, die durch ihre schriftlichen Beiträge das Erscheinen des vorliegenden Bandes ermöglicht haben.

Die ersten beiden Beiträge setzen sich mit aktuellen theoretischen und forschungsgeschichtlichen Positionen auseinander. Keith  Moxey widmet sich eingangs der Wirkmächtigkeit (Agency) von Dingen und geht der Frage nach der „material time“  von Dingen nach. Ausgangspunkt seiner Reflexionen sind natural objects, welche die Spuren der Zeit in sich tragen aber in der Begegnung mit ihnen das Konzept der Chronologie durchbrechen. Die Sammlung seiner favourite things umfasst Objekte wie petrified wood, shells, corals, …. Moxey erweitert den Agency Ansatz von Bruno Latour: die Agency ist nicht zielgerichtet auf Situationen.

Hans Peter Hahn nähert sich den Dingen über Fragen nach ihrem Wert und den Kriterien der Bewertung an. Dinge tragen keinen Wert in sich, die Bewertung erfolgt im Rahmen von vielschichtigen, häufig konfliktreichen Entscheidungen und Praktiken. Zweifellos sind sozioökonomische  Zugänge dafür ebenso unumgänglich wie kulturelle, insbesondere wenn es um die Bedeutung von Dingen für die kulturelle Identität geht. Von Seiten der Ethnologie und Anthropologie wurden im vorigen Jahrhundert ganz zentrale Arbeiten zur Frage der Bewertung von materiellen Gütern vorgelegt, die Hahn einleitend vorstellt. Besonders wichtig erscheint ihm die temporale Einbindung:  “When, at what historical moment is a particular material thing considered to be valuable? “. Der Wert von  Dingen ist untrennbar mit der Wertschätzung verbunden, sowohl auf der subjektiv-individuellen Ebene, als etabliertes Forschungsthema der Psychologie und Psychoanalyse,  als auch in ihren historischen und kulturellen Dimensionen.  Um genauer bestimmen zu können, unter welchen Bedingungen manche Objekte – sakrale wie auch profane – zu „favourite things“ werden können, plädiert Hahn für eine stärkere Verschränkung  der genannten Ansätze und eine Integration von praxistheoretischen Zugängen. Eine umfassende Theorie zur Wertschätzung von materiellen Objekten gibt es nicht.

Asa Simon Mittman nimmt seine ganz persönliche Passion für originale mittelalterliche Objekte zum Ausgangspunkt für sein Plädoyer, Objekte mit allen Sinnen zu erfahren und begreifen zu wollen. Ob der elfenbeinerne Schrein des Hl. Franziskus in Florenz, die Reliquie vom Hl. Blut in Brügge oder das Beowulf Manuskript in London -  als professioneller Kunsthistoriker sucht er die Objekte seines wissenschaftlichen Interesses in Schatzsammlungen, Museen und Bibliotheken und reflektiert über die Verehrung und unschätzbare Anziehungskraft von Reliquien; nicht nur auf Pilger aus aller Welt sondern auch auf Forscher, die sich über den halben Erdball bewegen um mit ihren „favourite things“ in Kontakt kommen zu können (obwohl diese zumeist auch schon digital verfügbar sind).  Mittman sieht darin weder einen Akt des religiösen oder libidinösen Begehrens sondern er möchte die sinnliche Erfahrung mit Objekten ganz im Sinne des praxistheoretischen Ansatzes anwenden, um neues Wissen über die Dinge zu gewinnen. Die Impulse für seine persönlichen Begegnungen mit den Dingen, die er beforscht, kommen aus der aktuellen Thing Theory.

“What is luxury ?” – dem allgemeinen Verständnis zählen dazu Dinge, die zwar keiner direkten Notwendigkeit entspringen die sich aber durch einen besonderen individuellen Stellenwert und oft auch durch einen hohen materiellen Wert kennzeichnen. Gabriela Signori stellt Ringe, und insbesondere Fingerringe in den Fokus ihres Beitrages. Im Mittelpunkt steht dabei die Werkstatt des Goldschmieds Stefan Maignow aus Konstanz am Bodensee, dessen Rechnungsbuch aus dem letzten Quartal des 15. Jahrhunderts Signori ediert hat. Eingangs zeigt sie auf, dass sich das Goldschmiedehandwerk in den Städten, die über einen Bischofssitz verfügten im Spätmittelalter sehr gut entwickelte. Alleine in Konstanz, einer Stadt mit ca. 6000 Einwohnern arbeiteten  10 Goldschmiedewerkstätten für die lokalen und regionalen Kunden. Reiche sekulare Kleriker spielten als Käufer von Goldschmiedearbeiten eine besondere Rolle. Signori stellt zunächst das gesellschaftliche und familiäre Umfeld des Goldschmiedemeisters Stefan Maignow dar.  Mithilfe des Rechnungsbuches erstellt sie ein consumer profile von Käufern mit einer gemeinsamen Vorliebe an Fingerringen und verweist unter anderem auf gender-Aspekte der favourite rings: Gold and silver jewellery prove to be a primarily male and clerical medium of representation.“

Ähnlich wie jewellery hat auch Kleidung ein sehr hohes Potential zum personlichen Favourite Thing zu werden. John Styles untersucht in seinem Beitrag die Herstellung und die Lebenszyklen von Stoffen für Kleidung und Haushaltstextilien in Europa vom 14. bis ins 18. Jahrhundert. Nicht erst heute, wo wir von „fast fashion“ reden und den neuesten Modetrends hinterherjagen ist Kleidung einem schnellen Umschlag unterworfen. Styles zeigt auf, wie sich die europäische Textilindustrie vor allem im Bereich der Kleidung auf Jahreszyklen und innerhalb noch auf saisonale Produktion umstellte. Der turn  betraf die nahezu alles, die Materialien, Muster, Farben und Accessoires. „The main trend was a move towards fabrics that were lighter, more colourful more highly patterned.“ Die einflussreiche italienische Seidenproduktion verlor im Verlauf des 16. Jahrhunderts an Boden und wurde von Lyon als neuem europäischem Textilzentrum verdrängt. Er führt an, warum gerade die Stoffe aus Lyon so begehrt und die Innovationen so erfolgreich waren.  Interessant ist in diesem Zusammenhang der Einfluss der periodisch erscheinenden Journale, die sich im ab dem 17. Jahrhundert ausführlich mit den neuen Modetrends befassten. Die Periodizität von Printmedien und kurzlebigen Fashion-Zyklen war eng verlinkt.

 Ottó Gescer untersucht die Geschmackswahrnehmung von scharfen Gewürzen und die langfristige Veränderung von Geschmackspräferenzen in Europa im Übergang vom Mittelalter in die Neuzeit. Sein „Markerobjekt“ ist Pfeffer. Inwieweit hat der Import von vergleichsweise billigen „chili pepper“ aus Amerika den prestigereichen Pfeffer aus Asien als Luxusgewürz des Mittelalters „entthront“? Als der Chili erstmals nach Europa kam, war der Boden dafür gut vorbereitet, denn die mittelalterliche Küche – jedenfalls die der gesellschaftlichen Eliten - was still very much favorable to spices. Gescer analysiert den Gewürzkonsum auf der Basis von Kochbüchern und Haushaltsrechnungen und arbeitet großräumig unterschiedliche Muster in Quantität und variety von verwendeten Gewürzen heraus. Im Ländervergleich zwischen England, Frankreich, Spanien, Italien sowie Deutschland und den skandinavischen Ländern werden deutliche Unterschiede bei der Präferenz von Gewürzen sichtbar gemacht. Die Chilipflanze wurde im 16. Jahrhundert in Europa eingeführt, sie gedieh gut und wurde weit verbreitet gepflanzt, sodaß der „chili pepper“ bald zu einem für viele leistbaren Produkt wurde. Gescer untersucht, ob sich trickling down oder bottom up Prozesse beobachten lassen und sieht keine eindeutigen Muster. In Mittel- und Nordeuropa konnte sich der neue „fake pepper“ geschmacklich nicht so gut durchsetzen wie in Spanien und Italien.

 Im letzten Beitrag untersucht Janine Maegraith Geschenkpraktiken und die besondere Rolle von food gifts in der kleinstädtischen Gesellschaft der frühen Neuzeit. Grundlage für ihre detaillierte Analyse  bildet das Gedenkbuch von Michel Stüeler aus Graupen/Krupka in Nordwestböhmen, wo er als Gerber  tätig war und verschiedene öffentliche Funktionen innehatte. Der Verfasser hat in seinen Aufzeichnungen, die er in der Zeit von 1629-1649 geführt hat, sehr genau vermerkt, wem er Nahrungsmittel schenkte und vom wem er und seine Familie Nahrungsmittel geschenkt bekam. Daraus rekonstruiert Maegraith ein komplexes Beziehungsnetz innerhalb der kommunalen Lebenswelt Böhmens in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, in der die Bevölkerung unter den Kriegshandlungen im Dreißigjährigen Krieg zu leiden hatte. Nahrungsgeschenke gehörten dort zur fast alltäglichen Praxis der Nahrungsmittelversorgung und zeigen gerade in Zeiten von Hunger und Mangelernährung die Belastbarkeit von sozialen Beziehungen. In der Geschenks- und Tauschkultur unterlagen food gifts aufgrund ihrer kurzen Haltbarkeit einer anderen Logik als zB langlebige Geschenke; die Dauerhaftigkeit wurde durch die Praxis der Wiederholung hergestellt. Die Geschenke in Stüelers Aufzeichnungen waren alltäglich und leistbar, aber speziell für den Empfänger von besonderer Bedeutung.