Am IMAREAL fand zum zweiten Mal ein Workshop zur Virtualität in der und für die Vormoderne statt. Während bei der ersten Veranstaltung (11.–13. Juli 2024) Aspekte des Körpers und des Raumes in den Blick genommen worden waren, ging es dieses Mal einerseits um die Frage, welche Formen der Virtualität in der Vormoderne selbst sinnvoll als solche zu beschreiben wären, und andererseits um eine heutige Nutzung von VR, digitalen Modellen und Simulationen für die Beschreibung und Analyse von vormodernen Medien, Praktiken, Environments und Artefakten.
Die Ausgangslage für den Workshop war, dass sowohl für die Vormoderne als auch für aktuelle mediale Praktiken sehr unterschiedliche Begriffe und Konzepte von ‚Virtualität‘ kursieren. Dies hängt einerseits mit der Begriffsgeschichte zusammen, die von dem ontologischen Begriff dynamis (Aristoteles) über den theologischen Begriff der Scholastik (mit dem Neologismus des ‚virtualis‘ für „durch heilige Kräfte Bewirktes“), über das säkularisierte und naturphilosophisch-physikalisch modifizierte Konzept der Aufklärung bis zur begrifflichen Verwendung für digitale Wirklichkeiten führt. Der Begriff hat eine erstaunliche Nachhaltigkeit für die Bezeichnung von unsichtbaren, aber doch sich auswirkenden Kräften, die ein als ‚real‘ verstandenes ‚Anderes‘ gegenüber einer konkret-manifesten Realität bilden, mit einem sich historisch wandelnden Bedarf in der Bezeichnung von jeweils aktuellen Problemstellungen, Interessen und Phänomenen.
Einig war man sich in der Frage, dass es nicht darum gehen kann, vormoderne Phänomene in ein wie auch immer definiertes Virtualitätskonzept zu gießen – im Sinne der Metapher des alten Weins in neuen Schläuchen. Vielmehr sollte die Berücksichtigung von Virtualitätsebenen in den vormodernen Kulturen einen Erkenntnismehrwert in der Beschreibung und Analyse von kulturellen Settings ergeben. Und tatsächlich wurde auf dem Workshop deutlich, dass Agieren und Reagieren, soziale Praktiken und Machtszenarien nicht nur in konkreten, für alle Partizipient*innen gleich wahrnehmbaren Settings stattfinden, sondern auch in virtuellen Realitäten. Der ‚virtuelle Raum‘ stellte sich dabei zunehmend als problematisches Moment dar, da zwar ein virtueller Raum einen konkreten Raum überlagern kann, der Begriff aber oft als Metapher für virtuelle Realität im Allgemeinen verwendet wird, was zu argumentativen Unschärfen führen kann.
Der historische Sitzungssaal im Rathaus Krems bot für diese von der Stadt Krems und der Abteilung Wissenschaft und Kultur des Landes Niederösterreichs unterstützte Veranstaltung einen passenden Rahmen. Anders als gewohnt fand der Workshop seinen Abschluss nicht in einer finalen Schlussdiskussion, sondern einer speziellen Form der sinnlichen Wahrnehmung. Der Besuch der von Matthias Däumer, Peter Färberböck und Thomas Kühtreiber gemeinsam mit dem museumkrems kuratierten Ausstellung Wie im Himmel, so auf Erden. Wie auf Erden, so im Himmel? veranschaulichte, auf welche Weise Objekte dazu dienen können, Verbindungen zwischen Diesseits und Jenseits greifbar zu machen.
Die thematische Schwerpunktsetzung des Workshops hat uns in den letzten Jahren auf unterschiedliche Weise begleitet. Im Rahmen der Forschungsperspektive Sensing Materiality and Virtuality wurde untersucht, wie Virtualität als Potential in und durch Materialität und Materialien wirksam wird. Zentral war dafür die Beobachtung, dass Virtuelles nur über eine materiell verfügbare und mit den Sinnen fassbare Vermittlungsinstanz wahrnehmbar wird. Der Körper fungiert dabei als Schnittstelle zwischen virtuell Verfügbarem und sinnlich Erfahrbarem.
Das Programm zur Tagung kann hier nachgelesen werden.
Die Organisatorinnen Heike Schlie, Sabine Miesgang, Elisabeth Gruber
Fotos: E. Gruber & M. Däumer







