PROJECT OVERVIEW

PROJECT DETAILS
  • Category Intermaterialität
Ausschnitt aus Stiftsarchiv Klosterneuburg (StiAKl), Rb 31/5, fol. 188r.

 

Wearables und Textilien als soziale Marker in religiösen Gemeinschaften des frühen 16. Jahrhunderts

Das Dissertationsprojekt untersucht die Rolle von körpernahen Objekten (Wearables) und Textilien als bedeutende Objekte der materiellen Kultur in Doppelklöstern des frühen 16. Jahrhunderts. Im Zentrum steht die Frage, wie diese Objekte Zugehörigkeit, Status, Hierarchie und Geschlecht innerhalb religiöser Gemeinschaften sichtbar machten und wie sich dabei normative Vorstellungen und gelebte Praxis zueinander verhielten.

Die Untersuchung basiert auf Rechnungsbüchern aus ausgewählten Doppelklöstern. Im Fokus stehen das Augustiner-Chorherren-/Chorfrauenstift Klosterneuburg, das Benediktiner*innenstift Göttweig und die Benediktiner*innen Erzabtei St. Peter in Salzburg.

Was sind Wearables und Textilien?

Als Wearables werden im Projekt Objekte verstanden, die durch Gebrauch, Funktion oder Zierde mit dem Körper verbunden sind. Dazu zählen Kleidung und Schuhe ebenso wie Accessoires, Schmuck, Kreuze oder Rosenkränze.

Textilien werden weiter gefasst und schließen neben Bekleidung auch textile Ausstattungen im klösterlichen und liturgischen Kontext ein, etwa Bettzeug, Wandteppiche und Altartücher. Beide Objektgruppen eröffnen einen Zugang zu Fragen nach Status, Funktion, Geschlecht und sozialer Ordnung in der klösterlichen Praxis.

Warum Doppelklöster?

Die Untersuchung konzentriert sich auf Doppelklöster, also religiösen Gemeinschaften, in denen Männer- und Frauenkonvente am selben Ort, nach derselben Regel und unter gemeinsamer geistlicher Autorität lebten. Dieser Rahmen erlaubt es, monastische Lebenswelten nicht getrennt nach Männer- und Frauenklöstern zu betrachten, sondern ihre Verflechtungen, Unterschiede und gemeinsamen Verwaltungsstrukturen in den Blick zu nehmen.

Untersucht werden drei Doppelklöster: das Augustiner-Chorherren-/Chorfrauenstift Klosterneuburg, das Benediktiner*innenstift Göttweig und die Benediktiner*innen Erzabtei St. Peter in Salzburg zwischen dem späten 15. und frühen 16. Jahrhundert.

Was erzählen Rechnungsbücher?

Eine zentrale Quellengrundlage bilden Rechnungsbücher. Sie dokumentieren Einnahmen und Ausgaben und geben damit Einblicke in die Anschaffung, Herstellung, Pflege, Reparatur und Zuweisung von Wearables und Textilien. Das Projekt knüpft dabei an eine lange Forschungstradition am IMAREAL an, Rechnungsbücher nicht nur als wirtschafts- oder verwaltungsgeschichtliche Quellen zu lesen, sondern sie als zentrale Zeugnisse materieller Kultur ernst zu nehmen. Arbeiten etwa von Gerhard Jaritz sowie jüngere Studien von Elisabeth Gruber zu klösterlicher Sachkultur und monastischen Rechnungsbüchern haben gezeigt, welches Potenzial diese Quellengattung für Fragen nach Objekten, Praktiken, sozialer Ordnung und alltäglichen Handlungsspielräumen besitzt.[1] Ergänzend werden im Projekt normative Quellen wie Statuten und Kleiderordnungen herangezogen, um das Verhältnis von Vorschrift und Praxis zu untersuchen.

Wie werden Objekte in Beziehungen sichtbar?

Methodisch knüpft das Projekt an die am IMAREAL entwickelte Forschungsperspektive Object Links an. Dabei richtet sich der Blick nicht allein auf die Dinge selbst, sondern auf die Beziehungen zwischen Objekten, Personen, Institutionen und Praktiken. So wird sichtbar, wie Wearables und Textilien in soziale, kulturelle und ökonomische Zusammenhänge eingebunden waren und wie sie zur Gestaltung monastischer Ordnung beitrugen.

Welche Rolle spielt ITEM/accounts?

Für die Erfassung und Auswertung der Rechnungsbücher wird ITEM/accounts verwendet, ein am IMAREAL entwickeltes digitales Tool zur strukturierten Bearbeitung historischer Rechnungsquellen. Damit lassen sich Einträge zu Wearables und Textilien systematisch erfassen, kategorisieren und mit Personen, Institutionen, Praktiken und weiteren Objekten in Beziehung setzen.

ITEM/accounts unterstützt damit nicht nur die Bewältigung des umfangreichen Quellenmaterials, sondern macht auch wiederkehrende Muster sichtbar: beispielsweise in der Materialverwendung, in der Zuweisung bestimmter Objekte, in geschlechtsspezifischen Praktiken oder in ökonomischen Netzwerken. Zugleich eröffnet die digitale Erfassung Möglichkeiten, komplexe Beziehungen zwischen Dingen, Akteur*innen und Institutionen auch visuell darzustellen.

links: StiAKl, Rb 31/7, 10r; rechts: ITEM-Eintrag.

Ziel des Projekts

Das Projekt versteht Kleidung, Accessoires und Textilien nicht nur als funktionale Artefakte, denn sie konnten Zugehörigkeit ausdrücken, hierarchische Rollen kommunizieren und Unterschiede in Status, Funktion oder Geschlecht sichtbar machen.

Auf dieser Grundlage fragt die Dissertation danach, wie soziale Ordnungen in Doppelklöstern durch materielle Objekte hergestellt, stabilisiert und verhandelt wurden. Besonders interessieren dabei geschlechtsspezifische Unterschiede im Umgang mit Wearables und Textilien.

[1] Vgl. hierfür Elisabeth Gruber, Klösterliche Sachkultur revisited: Materielle Kultur und soziale Praxis in den Rechnungsbüchern des Stifts Göttweig, in: Herbert Krammer und Christina Lutter (Hg.), Von Menschen, Dingen und ihrer Umgebung. Pragmatische Schriftlichkeit und ihr Sitz im Leben (12.–15. Jahrhundert): Jahrbuch des Stiftes Klosterneuburg. Neue Folge 27 (2026), S. 63–74; Elisabeth Gruber, Account Books as Practice. Tracing Material Culture in Monastic Communities, in: Michael Wiesinger, Hg., Knowledge and Order. Monastic Learning and the Quadrivium, Wien 2025; Gerhard JARITZ, Zur Sachkultur österreichischer Klöster des Spätmittelalters, in: Harry Kühnel, Hg., Klösterliche Sachkultur des Spätmittelalters, Wien 1980, 147–168; Gerhard JARITZ, Die Reiner Rechnungsbücher (1399–1477) als Quelle zur Klösterlichen Sachkultur des Spätmittelalters, in: Harry Kühnel, Hg., Die Funktion der schriftlichen Quelle in der Sachkulturforschung, Wien 1976, 145–271.

Publikationen:

Anna Vierlinger, Wearables und Textilien als soziale Marker in religiösen Gemeinschaften des frühen 16. Jahrhunderts. Projektvorstellung, in: Jahrbuch des Stiftes Klosterneuburg. Neue Folge 28 (in Bearbeitung).

Anna Vierlinger, Wearables and Textiles as Social Markers in Double Monasteries. Projektvorstellung, in: IMAREAL-Broschüre 2025. (in Bearbeitung)

Vorträge:

Anna Vierlinger, Widerspenstige Gewänder – Körperdisziplin und Kleidungspraxis in den Stauten der Klosterneuburger Chorfrauen (15. Jahrhundert), im Rahmen der Nachwuchstagung GegenStand. Objekte zwischen Performanz, Präsenz und Affordanz des SFB 1391 „Andere Ästhetik“ der Universität Tübingen, am 23.06.2026.

Anna Vierlinger, Im Kontobuch der Gewandkammer. Digitale Ansätze zur Erschließung von Kleidung und Textilien mit ITEM/accounts im Rahmen der Tagung Zahlen bitte? Rechnungen und Rechnungsbücher des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit im Fokus, am 10.11.2025.

Science to Public:

Herbert Krammer / Anna Vierlinger, Die Welt hinter den Zahlen, Vortrag im Rahmen des Formats „Bücherabende“ im Stift Klosterneuburg am 12.05.2026.