Ein Rechnungsbuch enthält mehr als Zahlen. Es verzeichnet Einnahmen und Ausgaben, nennt Preise, Waren und Dienstleistungen. Auf den ersten Blick scheint seine Funktion damit beschrieben: Es diente der Verwaltung wirtschaftlicher Vorgänge. Wer ein solches Buch aufschlägt, begegnet jedoch als erstes einem historischen Objekt, dessen Materialität, Aufbau, Gebrauchsspuren und Aufbewahrungsort ebenso viel über seine Entstehung und Nutzung verraten wie die niedergeschriebenen Einträge. Diesen Beobachtungen möchten wir nun nachgehen: Zunächst betrachten wir das Rechnungsbuch als materielles Objekt, bevor wir uns der Objektwelt hinter den Zahlen widmen.
Was ein Rechnungsbuch über sich selbst verrät
Was sagt das Rechnungsbuch selbst über seine Entstehung, seinen Gebrauch und seine Funktion aus? Die Rechnungsbücher des Stiftes Klosterneuburg bieten für diese Frage ein reiches Quellenkorpus. Die Überlieferung reicht bis in die 1320er-Jahre zurück und umfasst Rechnungen unterschiedlicher Verwaltungseinheiten (Ämter) des Augustiner-Chorherren- und -frauenstifts. Im Rahmen des Förderprogramms Kulturerbe digital wurden diese Bestände zudem digitalisiert und online zugänglich gemacht. Schlagen wir nun eines dieser Bücher (analog oder digital) auf, begegnet uns häufig zunächst ein Incipit (vgl. Abb. 1). Dieses kann Auskunft darüber geben, wann, für welchen Zeitraum, unter wessen Verantwortung und zu welchem Zweck das Rechnungsbuch angelegt wurde. Die Schreibenden erklären also im Buch selbst, was in ihm festgehalten werden soll. Damit wird deutlich, dass es keine zufällige Sammlung von Notizen war, sondern Teil eines geregelten administrativen Vorgangs in dem bestimmte Informationen erwartet, Verantwortlichkeiten benannt und zeitliche Grenzen festgelegt wurden.

Leere Felder – feste Ordnung
Dieser planende Charakter zeigt sich auch im Aufbau der einzelnen Seiten. Wiederkehrende Überschriften sind durch unterschiedliche Schrifttypen und -formate oder ihre räumliche Absetzung vom übrigen Text hervorgehoben. Unter ihnen folgen listenartige Einträge, die häufig annähernd spaltenförmig angeordnet sind. Mitunter bleiben vorbereitete Abschnitte aber auch leer, wenn Überschriften vorhanden sind, ohne dass darunter Einträge ergänzt wurden (vgl. StiAKl, Rb 31/5, fol. 9v). Das legt nahe, dass zumindest Teile des Rechnungsbuches vor Beginn der eigentlichen Abrechnung vorbereitet worden waren. Der Schreiber oder die Schreiberin kannte die erwarteten Kategorien und reservierte für sie Platz – unabhängig davon, ob tatsächlich Ausgaben anfielen. Das leere Feld ist daher nicht bedeutungslos, sondern spiegelt Spuren des Planungsprozesses wider und zeigt, nach welcher Ordnung die Rechnungen geführt werden sollten.
Die Seitengestaltung selbst verweist zusätzlich auf Veränderungen in der Praxis der Rechnungsführung. Frühere Rechnungsbücher wurden vermehrt als fortlaufender Text gestaltet, während in späteren Büchern der listenartige Charakter aufscheint. Auf diese Entwicklung, verweist beispielsweise Elisabeth Gruber in ihrem Artikel Account Books as Practice.
Aus Alt mach Neu – Ein Rechnungsbuch bekommt Gestalt
Rechnungsbücher erscheinen uns heute häufig als geschlossene Einheiten: Hunderte Seiten im Halbfolio-Format sind zu einem Band zusammengefügt und mit einem Einband versehen – meist aus Pergament. Auch dieser erzählt eine eigene Geschichte. Nicht selten besteht er aus wiederverwendetem Beschreibmaterial, aus ausgesonderten Urkunden, Handschriftenfragmenten oder sogar Musikalien, denen auf diese Weise eine neue Funktion zugewiesen wurde, wie viele Beispiele im Stiftsarchiv Klosterneuburg zeigen. Die materielle Einheit des Rechnungsbuchs ist daher häufig das Ergebnis nachträglicher Ordnungs-, Binde- und Wiederverwendungsprozesse. Mitunter wurden Rechnungen mehrerer Jahre erst im Nachhinein zusammengebunden.
Das hier herangezogene Rechnungsbuch der Augustiner-Chorfrauen umfasst etwa die Jahre 1519 bis 1524 (vgl. StiAKl, Rb 31/5). Aus mehreren, ursprünglich zeitlich begrenzten Jahresrechnungen entstand so ein dauerhaft verfügbares Nachschlagewerk. Was zunächst Jahr für Jahr angelegt worden war, wurde durch seine Zusammenführung zu einer Serie und damit zu einem Träger institutionellen Gedächtnisses. So wird deutlich: Das Rechnungsbuch entstand auch durch Sortieren, Zusammenstellen, Binden, Aufbewahren und Archivieren. All diese Aspekte sind Teil seiner Objektbiografie.
Ein Buch für den Gebrauch
Der administrative Gebrauch des Rechnungsbuchs schlägt sich aber nicht nur in seiner Zusammenstellung, sondern ebenso in Schriftbild und Seitengliederung nieder. In ihrem Erscheinungsbild unterscheiden sich Rechnungsbücher deutlich von repräsentativen Handschriften: Miniaturen, aufwendig gestaltete Initialen und dekorative Seitenelemente fehlen weitgehend. Schriftbild und Gliederung folgen stattdessen den Anforderungen administrativer Praxis und sind vor allem auf Übersichtlichkeit und Benutzbarkeit ausgerichtet. Gerade diese unspektakuläre Aufmachung kennzeichnet sie als Gebrauchshandschriften: Sie sollten Informationen aufnehmen, ordnen, überprüfbar machen und über längere Zeit verfügbar halten.
Auf diesen fortgesetzten Gebrauch verweisen auch die Summen, die sich an den Seitenenden oder in den Rändern finden und während einer Kontrolle oder im Zuge einer abschließenden Abrechnung ergänzt worden sein könnten. Die Seite wurde demnach nicht unbedingt in einem einzigen Arbeitsdurchgang beschrieben. Die aufgenommenen Einträge konnten zu einem späteren Zeitpunkt erneut konsultiert, geprüft, ergänzt oder zusammengezählt werden, etwa im Rahmen der Rechnungskontrolle und Abnahme. Das Rechnungsbuch diente demnach nicht nur als Textträger, sondern war ein fortlaufend benutztes administratives Arbeitsinstrument.
Zwischen römischen und arabischen Zahlen
Zur visuellen Ordnung der Seite gehört auch die Verwendung unterschiedlicher Zahlensysteme. In den Klosterneuburger Rechnungsbüchern stehen römische und arabische Ziffern teilweise nebeneinander. Sarah Deichstetter konnte in ihrem MEMO-Artikel Von Zahlen und Bezahlen zeigen, dass die Verbreitung der arabischen Ziffern nicht geradlinig verlief. Ihr Gebrauch hing unter anderem vom Zeitraum, vom jeweiligen Amt, von der schreibenden Person und von der Art der Information ab. Eine einheitliche Systematik ist nicht erkennbar, wohl aber einzelne funktionale Tendenzen. So konnten Mengen, Summen oder Geldbeträge unterschiedlich notiert werden. Somit gibt auch die Form der Zahlen Hinweise auf historische Schreib-, Rechen- und Verwaltungspraktiken.
Die Welt hinter den Zahlen
Was verbirgt sich aber nun hinter diesen Zahlen? Im Abschnitt Auff hawsrat und andre naturfft des haws finden sich unterschiedliche Ausgaben, die dem Erhalt des Stiftes oder zum täglichen Leben dienten. Neben Kerzen und Krügen findet sich ganz am Ende folgender Eintrag: item umb ain mausfalln 26 d, StiAKl, Rb 31/5, fol. 70r, vgl. Abb. 2). Hier erfahren wir vom Einkauf einer Mausefalle. Aus diesem scheinbar unbedeutenden Eintrag ergibt sich eine ganze Reihe weiterer Fragen. Die Fallen mussten angefertigt, angeboten und verkauft werden. Es gab also nicht nur Personen, die sie benötigten und bezahlten, sondern auch jemanden, der über das notwendige Material und handwerkliche Wissen zu ihrer Herstellung verfügte. Vieles davon bleibt jedoch unsichtbar. Da nähere Angaben zu Herstellung, Handel oder Verwendung nur aus anderen, häufig nicht überlieferten Quellen zu gewinnen wären, ist dieser Rechnungseintrag womöglich das Einzige, was uns geblieben ist. Gerade deshalb ist er auch so bedeutend. Ein einzelner Rechnungsposten verweist somit auf weit mehr als eine Ausgabe. Hinter ihm stehen Objekte, Menschen, Tätigkeiten, Räume und Bedürfnisse. Rechnungsbücher dokumentieren damit nicht nur Geldflüsse, sondern Ausschnitte aus vergangenen Objektwelten.
Diese Eigenschaft verbindet Rechnungsbücher mit einer weiteren zentralen Gruppe pragmatischen Schriftguts: den Inventaren. Inventare halten fest, welche Gegenstände sich zu einem bestimmten Zeitpunkt im Besitz einer Person oder einer Gemeinschaft befanden, und ordnen sie häufig bestimmten Räumen, Ämtern oder Personen zu. Rechnungsbücher zeigen dagegen, wie Objekte durch Ankauf, Anfertigung oder Reparatur in einen institutionellen Zusammenhang gelangten und welche Dienstleistungen für ihre Nutzung und Erhaltung notwendig waren. Inventare erzeugen somit eher eine Momentaufnahme, während Rechnungsbücher Bewegungen und Veränderungen sichtbar machen. Beide Quellengruppen eröffnen somit Zugänge zu historischen Mensch-Objekt-Beziehungen. Am IMAREAL werden solche Zusammenhänge seit einiger Zeit digital erschlossen, wie etwa in RaumOrdnungen, dessen Burg- und Schlossinventare in ITEM/inventories überführt wurden, oder auch im Projekt Hohensalzburg digital.
Rechnungsbücher bilden zudem die Grundlage aktueller Forschungen. Im Projekt SALVEMED werden beispielsweise Rechnungsbücher erschlossen, die den Handel mit Devotionalien dokumentieren und dadurch die ökonomische Dimension frühneuzeitlicher Wallfahrt sichtbar machen. Anna Vierlingers Dissertationsprojekt zu Kleidung (Wearables) und Textilien in Doppelklöstern des frühen 16. Jahrhunderts[1] erfasst Kleidungs- und Textilobjekte in den Rechnungsbüchern dreier ausgewählter Doppelklöster (Stift Klosterneuburg, Stift Göttweig und Erzabtei St. Peter in Salzburg). Die strukturierte Erfassung der Einträge und die Verknüpfung der Objektdaten ermöglicht es, Verteilung, Gebrauch und soziale Bedeutung von Kleidung und Textilien über einzelne Einträge und Rechnungsjahre hinaus zu verfolgen.

Vom einzelnen Eintrag zum Netzwerk der Dinge
Die Forschung kann bei einer Mausefalle, einem Stück Stoff, einer reparierten Brille oder einer Devotionalie beginnen. Sie muss dort aber nicht enden. Werden viele Einträge strukturiert erfasst, lassen sich Verbindungen zwischen Objekten, Personen, Räumen, Tätigkeiten, Materialien und Zeitpunkten rekonstruieren.
Richtet sich der Blick vom Rechnungsbuch als materiellem Überlieferungsträger auf die darin genannten Objekte, eröffnet sich eine weitere Perspektive. Das Projekt Discovery of Things – DiscoThings verknüpft unterschiedliche Datenbestände des IMAREAL. Dazu gehören Informationen über Objekte aus Inventaren und Rechnungsbüchern in ITEM sowie Darstellungen materieller Kultur aus REALonline. Durch die Einbindung gemeinsamer Vokabulare und externer Wissensressourcen sollen diese Daten medienübergreifend mit kontrollierten Vokabularen und Ontologien verbunden, auffindbar und für interdisziplinäre Fragestellungen auswertbar gemacht werden.
Fazit
Rechnungsbücher sind weit mehr sind als vermeintlich trockene Wirtschaftsdokumente. Sie sind Träger wirtschaftlicher Informationen, Instrumente institutioneller Verwaltung, Produkte konkreter Schreib-, Rechen- und Kontrollpraktiken sowie materielle historische Objekte. Ihre Aussagekraft liegt nicht allein in den verzeichneten Einnahmen, Ausgaben, Mengen und Preisen, denn ebenso aufschlussreich sind die Anordnung der Einträge, die verwendeten Schriften und Zahlensysteme, nachträgliche Ergänzungen und Korrekturen, die Zusammenstellung des Bandes sowie die Spuren seiner Benutzung und Aufbewahrung.
Wer lediglich die Zahlen extrahiert, erfasst somit nur einen Teil dessen, was Rechnungsbücher über die Vergangenheit vermitteln können. Erst die Verbindung von Inhalt, Seitengliederung, Schrift, Korrekturen, Bindung und Gebrauchsspuren zeigt, wie wirtschaftliche Informationen aufgezeichnet, geordnet, überprüft und über längere Zeit verfügbar gehalten wurden. Zugleich geben die verzeichneten Personen, Tätigkeiten, Waren, Lebensmittel, Werkzeuge, Materialien und Geldbeträge Einblick in konkrete Bereiche vergangener Lebenswelten. Rechnungsbücher dokumentieren damit nicht nur Einnahmen und Ausgaben, sondern auch alltägliche Abläufe, materielle Bedürfnisse, Arbeitsprozesse und soziale Beziehungen innerhalb und im Umfeld einer Institution. Auf diese Weise öffnet sich die Welt hinter den Zahlen.
[1] Das Projekt wird von der Gesellschaft für Forschungsförderung Niederösterreich im Rahmen der FTI-Dissertationen-Strategie gefördert und ist am IMAREAL sowie an der Forschungsstelle für Kulturwissenschaftliche Studien des Stiftes Klosterneuburg angesiedelt.
Literatur:
Sarah Deichstetter, Von Zahlen und Bezahlen. Der Gebrauch von Ziffern in den Klosterneuburger Rechnungsbüchern des 15. Jahrhunderts, in: MEMO 11 (2024), 63–78, DOI: 10.25536/20241105.
Sarah Deichstetter / Sabine Miesgang, Die Augustiner-Chorfrauen von Klosterneuburg. Ein Forschungsüberblick zur Geschichte und dem Wirtschafts- und Rechnungswesen von 1445 bis 1553, in: Jeffrey F. Hamburger / Eva Schlotheuber, Hg., The Ladies on the Hill. The Female Monastic Communities at the Aristocratic Monasteries of Klosterneuburg and St. George’s in Prague, Wien 2024, 119–145.
Gudrun Gleba, Die Ordnung im Kopf des Schreibers – Textbildgestalt als Teilaspekt der Edition mittelalterlicher Rechnungsbücher, in: Jürgen Sarnowsky, Hg., Konzeptionelle Überlegungen zur Edition von Rechnungen und Amtsbüchern des späten Mittelalters, Göttingen 2016, 57–72, DOI: 10.14220/9783737006774.57.
Elisabeth Gruber, Account Books as Practice. Tracing Material Culture in Monastic Communities, in: Michaela Wiesinger, Hg., Knowledge and Order: Monastic Learning and the Quadrivium, Wien 2025, 31–43, DOI: 10.7767/9783205224686.
Elisabeth Gruber / Peter Färberböck, ITEM. Eine Schnittstelle realienkundlicher Daten aus historischen Textquellen, in: Das Mittelalter. Perspektiven mediävistischer Forschung 30/1 (2025), 113–129, DOI: 10.17885/HEIUP.MIAL.2025.1.25124.
Miriam Landkammer / Clemens Hafner / Peter Färberböck / Isabella Nicka, Der VM-Cluster als Infrastrukturangebot an der Universität Salzburg im Testszenario des Projekts „Discovery of Things“, 2026, online unter: Digital Humanities an der Universität Salzburg, https://dhsalzburg.hypotheses.org/7150 (21.07.2026).
Johannes Rosenplänter, Rechnungsführung und Abrechnungspraxis in norddeutschen Frauenklöstern im späten Mittelalter, in: Claudia Dobrinski / Brunhilde Gedderth / Katrin Wipfler, Hg., Kloster und Wirtschaftswelt im Mittelalter, München 2007, 189–200.
Eva Schlotheuber / Jeffrey F. Hamburger / Christina Jackel, Hg., Wir Schwestern: Die Vergessenen Chorfrauen von Klosterneuburg, Wien 2024.
Elisabeth Gruber & Anna Vierlinger

