Dieser kurze Beitrag widmet sich medizinhistorischen Aspekten, die einerseits die Geschichte der Syphilis und andererseits die des Pflasters als Objekt der Materiellen Kultur betreffen, bezüglich ihrer Instrumentalisierung für Darstellungen der Passion Christi um 1500.

Es ist bekannt, dass die Körper der Schergen, die Christus foltern und demütigen, in der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Kunst mit verschiedenen ikonischen Merkmalen negativ konnotiert und oft auch pathologisiert werden. Obwohl Christus der Bibel zufolge von römischen Soldaten gefoltert wurde, agieren in den Geistlichen Spielen und auf den Bildern des Spätmittelalters häufig Juden in diesen Rollen. Die Körpermarkierungen im Bild beschränken sich im 14. Jahrhundert im Wesentlichen zunächst auf dunkle oder grünliche Hautfarben, die sich dezidiert von dem hellen Inkarnat Christi absetzen (Vlachos 2021). Im 15. Jahrhundert, im Zuge eines zunehmenden Detailrealismus, wird dieses Spektrum wesentlich durch anatomische Abweichungen erweitert, unter ihnen Hakennasen, physiognomische Disharmonien und krankhafte Hautveränderungen wie Warzen, Pusteln, eiternde Pickel und Knoten (Mellinkoff 1993). Hinzu kommen mit obszönen Gesten und mimischen Verzerrungen Elemente der Körpersprache, welche negativ besetzte Affekte ausdrücken. Visualisieren sollen all diese Deformationen – quasi als ikonische Diskriminierung des Rechtsapparates bzw. seiner Exekutive – letztendlich die Ungerechtigkeit des Urteils über Christus, dessen Unschuld in theologischer Hinsicht die Grundbedingung für die Erlösung der Menschheit durch das Kreuzopfer ist.

Abb. 1: Anonymus, Dornenkrönung aus dem Hochaltarretabel in St. Anna in Pöggstall, um 1500
Abb. 1: Anonymus, Dornenkrönung aus dem Hochaltarretabel in St. Anna in Pöggstall,
um 1500, REALonline 002189. © IMAREAL – Univ. Salzburg.

Um 1500 lässt sich eine neue Strategie der Pathologisierung nachweisen. Vor allem in Bildern der Dornenkrönung, Geißelung und Kreuztragung erscheinen in kompositioneller Hinsicht auffällig fokussierte Schergen mit rötlichen Geschwüren am Kopf und im Gesicht, welche eine Flüssigkeit absondern und notdürftig mit kleinen viereckigen Pflastern abgedeckt sind (Abb. 1). Letztere bestehen aus weißen semitransparenten Textilstücken, welche die offenen Geschwüre meistens nur sehr provisorisch und unzulänglich abdecken. Die Pflaster in der Vormoderne sind keine Wundpflaster, sondern Arzneipflaster, die mittels eines aufgestrichenen Wirkstoffes die Krankheit bekämpfen sollten (lat. emplastrum, abgeleitet aus dem Altgriechischen émplastron, „das Eingeschmierte“).

Sowohl die Art der Geschwüre als auch die Datierung der Bildbeispiele lassen vermuten, dass es sich um die Darstellung von Symptomen der Syphilis handelt, die sich Anfang der 1490er Jahre erstmals als spezifisch wahrgenommene Krankheit epidemisch ausbreitet. Einige der Schergen sind glatzköpfig dargestellt, was einem weiteren Symptom der Krankheit, dem Haarausfall entspricht, und die Geschwüre wurden tatsächlich mit Quecksilberpflastern behandelt. Letzteres war der Grund dafür, dass viele Betroffene nicht an der Krankheit selbst starben, sondern an einer Schwermetallvergiftung, bevor mit einer Arsenverbindung um 1910 ein wirksames, wenn auch mit Nebenwirkungen verbundenes Medikament gefunden wurde. Seit den 1940er Jahren ist die Krankheit dank der Entdeckung des Penicillins vollständig heilbar.

Abb. 2: Anonymus, Hochaltarretabel in St. Anna in Pöggstall, um 1500
Abb. 2: Anonymus, Hochaltarretabel in St. Anna in Pöggstall, um 1500, REALonline 017953. © IMAREAL – Univ. Salzburg.

Doch warum werden die an der Passion Christi beteiligten Schergen so dezidiert mit den Syphilisgeschwüren dargestellt? Es griffe zu kurz zu sagen, dass sie im Zuge eines Antijudaismus grundsätzlich desavouiert wurden und die äußere Krankheit die Verdorbenheit der verlorenen Seele aufzeigen sollte. Vielmehr ließ sich zudem über die offenen Wunden der Krankheit ein antithetischer Gegenkörper zum Heilskörper Christi konstruieren: Im Gegensatz zu Deformierungen wie Buckel oder Hakennasen sind die Körperflüssigkeit absondernden Geschwüre den Wunden Christi ähnlich und zugleich diametral entgegengesetzt. Über die Geschwüre wird die Aufmerksamkeit auf die reinen, heilenden Wunden Christi gelenkt, die in den Beschreibungen der mittelalterlichen Mystik zufolge einen süßen Wohlgeruch verströmen (odor sanctitatis), während die nässenden Syphilisgeschwüre in der realweltlichen Wahrnehmung mit einem starken Gestank verbunden waren. Die Pflaster selbst markieren deutlich die Offenheit der Geschwüre. Vielleicht trifft es sogar zu, dass im Alltag um 1500 ein mit vielen roten offenen Stellen übersäter Körper so sehr mit der Syphilis identifiziert wurde, dass die Passionsikonographie nolens volens unerwünschte Assoziationen aufrufen konnte, denen man wiederum mit einer Art ikonischem Kontrastprogramm entgegenwirken wollte. Wie dem auch sei, den Wunden Christi werden mit der Inserierung des syphilitischen Gegenkörpers mittels einer antithetischen Konstellation Eigenschaften zugeschrieben, die gerade im Kontrast zu den Symptomen der Krankheit fokussiert werden können. Während der Ausfluss der Geschwüre als unrein galt und seiner Ausbreitung außerhalb des Körpers geradezu dämonische, Unheil bringende Macht zugeschrieben wurde, galt das ausströmende Blut Christi als heilig und heilsbringend usw.. Reinheit und Unschuld wird gegen Unreinheit und Sünde gesetzt: Bereits wenige Jahre nach Ausbruch der Syphilis wusste man, dass sie durch Sexualkontakte übertragen wurde.

Abb. 3: Detail aus Abb. 1
Abb. 3: Detail aus Abb. 1, REALonline 002189. © IMAREAL – Univ. Salzburg.

Diese Antithetik wird durch Bildstrategien unterstrichen, die den Körper des Syphiliskranken und den Christuskörper in ikonischer Hinsicht direkt aufeinander beziehen, wie in der Dornenkrönung des Hochaltarretabels in Pöggstall (Abb. 1-3), welches eine auf der inneren Schauseite neben einer in Holz geschnitzten Kreuzigung vier weitere, gemalte Stationen der Passion zeigt (Nicka 2018). Drei Schergen drücken dem sitzenden Christus mittels Stangen die Dornenkrone tief auf den Kopf, während ein auf den Stufen vor dem ‚Thronsitz‘ Christi halb liegender, halb knieender Bettler mit nacktem, kaum vom Obergewand verdeckten Hinterteil den Gemarterten mit ausgestreckter Zunge und obszöner Fingergestik verhöhnt (Abb. 3). Der glatzköpfige Scherge hinter Christus (Abb. 2) weist ein von einem Pflaster verdecktes Geschwür auf, aus dem eine helle Flüssigkeit tropft, während das rote Blut in Tropfen und Schlieren über das Antlitz Christi läuft. Die Ausrichtung der Köpfe Christi und des Schergen ist dezidiert verähnlicht, zudem befindet sich das Geschwür exakt an jener Stelle, wo sich beim Christuskopf die Stangen kreuzen und die Dornenkrone mit der größten Kraftwirkung ins Fleisch gedrückt wird. So werden die todbringende, im ihrem alltäglichen Umfeld Ekel auslösende Krankheit und das Heil in den Körpern explizit auch mittels einer ikonischen Parallelisierung in das benannte antithetische Verhältnis gesetzt. In der Geißelung auf dem rechten Innenflügel des Pöggstaller Hochaltaretabels ist ein weiterer glatzköpfiger Scherge mit offenem Kopfgeschwür und Pflaster dargestellt (Abb. 1). Ihn charakterisieren zusätzlich verdrehte und überdehnte Gliedmaßen, welche auf die mit der Syphilis verbundenen Muskelschmerzen und Koordinationsstörungen hindeuten könnten.

Abb. 4: Meister von Freising-Neustift, Enthauptung des Hl. Johannes Bapt., um 1500, Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg (Wikimedia Commons).
Abb. 4: Meister von Freising-Neustift, Enthauptung des Hl. Johannes Bapt., um 1500, Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg (Wikimedia Commons).

Abb. 5: Detail aus Abb. 4 (Wikimedia Commons).
Abb. 5: Detail aus Abb. 4 (Wikimedia Commons).

Die Darstellungen sind nicht auf den Kontext der Passion Christi beschränkt, sondern finden sich prominent auch in Bildern von Martyrien mit expliziter Blutzeugenschaft. Im Germanischen Nationalmuseum wird eine Enthauptung des Johannes aufbewahrt, die den syphilitischen Körper ins absolute Zentrum setzt (Abb. 4). Das Bild zeigt ein komplexes städtisches Gefüge mit vielen Zuschauern der Szene. Die Enthauptung hat an einem Ort außerhalb der Stadtmauern stattgefunden, der mit dem offenen Stadttor durch eine Brücke verbunden ist. Rechts unten liegt der Körper des Johannes samt abgeschlagenem Kopf und dem aus der Halswunde sprudelnden Blut. Der Körper des Henkers ist im Zentrum des Bildes nahezu im gleichen Maßstab dargestellt. Seine Gliedmaßen sind grotesk verwunden, die Zunge hängt leicht aus dem Mund; Hakennase und riesige, schlaffe Tränensäcke sind weitere Kennzeichen seiner negativen Konnotation. Am auffälligsten aber sind die zahlreichen syphilitischen geschlossenen und offenen Geschwüre auf Nase und rechter Wange (Abb. 5). Das von einem sich bereits ablösenden Pflaster nur unzureichend abgedeckte offene Geschwür befindet sich sehr nahe am Schnittpunkt der beiden Bilddiagonalen. Die rote Stelle verbindet sich anschaulich mit den Blutspuren auf dem überdimensionalen Schwert, das der Scherge in der Hand hält. Auch auf dieser Tafel sind die Körper und Körperwunden antithetisch aufeinander bezogen; hier wird die Blutzeugenschaft des Märtyrerkörpers zusätzlich erhöht durch den am Martyrium beteiligten, d.h. die unberechtigte Körperstrafe ausführenden syphilitischen Gegenkörper.

Der Beitrag versteht sich auch als Vorschlag, wie mit Darstellungen von Krankheitssymptomen im Sinne einer historischen Bildwissenschaft methodisch zu verfahren ist. Während es höchst problematisch ist, durch die Analyse von Körpermerkmalen in Porträts historisch-realer Personen bestimmte Krankheiten der Dargestellten zu diagnostizieren (Stolberg 2021), ist aber gleichwohl davon auszugehen, dass in verschiedenen semantischen Zusammenhängen bildlich auf Symptome von bestimmten Krankheiten verwiesen wurde. Die diskutierten Passionsdarstellungen zeigen, dass aktuelle, problematische Phänomene der Erfindung von Bildargumenten dienten, die wiederum ihrerseits Deutungsmuster für eine sich epidemisch ausbreitende, neue Krankheit anboten.

Ruth Mellinkoff: Outcasts: Signs of Otherness in Northern European Art of the Late Middle Ages, Berkeley/Los Angeles 1993. 

Isabella Nicka: INTERFACES. Berührungszonen von Transzendenz und Immanenz im spätmittelalterlichen Sakralraum, in: Marion Meyer, Deborah Klimburg-Salter (Hg.), Visualisierungen von Kult. Wien–Köln–Weimar 2014, S. 260–293, Abb. auf S. 438–444. URL:  https://doi.org/10.7767/boehlau.9783205793052.260. 

Michael Stolberg: Einleitung, in: Michael Stolberg (Hg.): Körper-Bilder in der Frühen Neuzeit. Kunst-, medizin- und mediengeschichtliche Perspektiven, Berlin/Boston 2021, S. 1-14. 

Stavros Vlachos: Die Krankheit des Bösen. Körperdeformitäten als negative Symbolik in Passionsszenen des Spätmittelalters und der Frühneuzeit, in: Michael Stolberg (Hg.): Körper-Bilder in der Frühen Neuzeit. Kunst-, medizin- und mediengeschichtliche Perspektiven, Berlin/Boston 2021, S. 127-152.