Man stelle sich vor, der Weg führe einen durch die Schauräume eines großen Möbelhauses. Neben der auffälligen Abwesenheit von Unordnung, den geschmackvoll zusammengewürfelten Möbeln und bebilderten Anleitungen, die glaubhaft vermitteln wollen, dass ein Objekt mit 39 Schrauben (die vierzigste fehlt) und 25 Einzelteilen innerhalb einer Stunde zusammengebaut werden kann, nimmt man ein Element oft nur am Rande wahr: Die Schalen mit Plastikobst auf Tischen, Fensterbänken, Regalen und Ähnlichem. Es könnte nun vermutet werden, dass diese Objektart ein Werbetrend der modernen Konsumgesellschaft sei. Doch wenn man einen Blick hinter das moderne Image von künstlichen Früchten wirft, das allzu oft zu Puppenküchenzubehör und massenproduzierte Dekoartikel degradiert wurde, wird schnell klar, dass sie in unterschiedlichen Gebieten Verwendung fanden.
Ihre Geschichte lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen, wo Früchte beispielsweise aus Terrakotta nachgebildet und polychrom gefasst wurden. Ein gut erhaltenes Beispiel stellt ein Fruchtkorb mit einem Apfel, Granatapfel, Speisekürbis, einer Feige und einer Mandel aus der Sammlung des British Museum aus der Zeit ungefähr 450 v. Chr. dar [1], den man als unvergängliche Grabbeigabe dem/der Verstorbenen mit ins Jenseits mitgegeben hatte. – Sozusagen ein unverderbliches Care-Paket für die Totenseele.
Doch auch als Teil von repräsentativen Sammlungen waren Fruchtmodelle seit jeher bei Obst-Interessierten beliebt, die über das nötige Kleingeld für deren Anschaffung verfügten. Hier ist Varro (116–27 v. Chr.) zu nennen, der eine sogenannte Opothek (eine frühe Form der späteren pomologischen Sammlungen) besessen haben soll [2]. Um diese Sammlungsart anhand von konkreten Beispielen näher betrachten zu können, überspringen wir nun einige Jahrhunderte und begeben uns in die Welt des späten 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts.
Zu dieser Zeit hatte die Beliebtheit von naturalistischen botanischen und medizinischen Wachsmodellen für Lehrzwecke so weit zugenommen, dass man in Florenz eine eigene Modellwerkstatt für die aufwändige Herstellung der Wachs- und Gipsfrüchte benötigte. Dort stellten fachkundige Personen, wie Luigi Calamai (1800-1851) zwischen 1773 und 1848 täuschend echt wirkende Fruchtmodelle für das florentinische Museo di Fisica e di Storia Naturale her [3]. Durch Reisende gelangte das Wissen um die naturalistisch gestalteten Modelle auch bis zu einigen österreichischen Ordensgemeinschaften, wovon nach momentanem Wissensstand die vier Stifte Admont, St. Florian, Reichersberg und Neukloster über Sammlungen von dreidimensionalen, mimetischen und gefassten Fruchtmodellen verfügen. Die bunte Vielfalt an unterschiedlichen Früchten wurde hierbei zum Träger und Vermittler von Wissen, da sie durch ihre täuschenden Eigenschaften die visuellen Informationen um die Gestalt alter Obstsorten aufnahmen, festhielten und an spätere Generationen weitergaben. So kann man heute im Naturhistorischen Museum von Stift Admont an geschwungenen Glasfronten entlangschlendern und etwa 243 hohle Wachsfrüchte von P. Constantin Keller (1778–1864) mit ihren kunstfertig gestalteten Wurmlöchern, Faul- oder Druckstellen einschließlich deren handschriftlicher Sortenzettelchen bewundern.
Ein ähnliches, wenn auch nicht museal präsentiertes Bild vermitteln die 53 Wachsfrüchte des Stiftes St. Florian, die aufgrund der vorhandenen Sortenzuweisungen und angebrachten Nummerierungen ebenfalls dem Verwendungsgebiet der Wissensvermittlung zugeordnet werden können. Dass hinter dem Erschaffer der täuschenden Äpfel, Birnen und Quitten der ehemalige Vorsteher einer Obstbaumschule und Chorherr Josef Schmidberger (1773–1844) steckt, ist wahrscheinlich, muss aber noch geklärt werden [4]. Der pomologisch begeisterte Geistliche könnte ebenfalls für die Herstellung eines Teiles der Fruchtsammlung von Stift Reichersberg verantwortlich sein, die aus 141 Wachsmodellen (teilweise mit Gipsformen im Inneren) besteht (Abb.1). Der Grund für diese Vermutung findet sich im Vergleich der vorgenommenen Messdaten einiger Früchte (Maße, Gewicht und Oberflächengestaltung mit gleicher Nummerierung und ähnlicher Handschrift), die sich nur geringfügig voneinander unterscheiden. Dass in beiden Fällen eine gemeinsame Gießform durch dieselbe Person verwendet wurde, ist wahrscheinlich.


Im Fall von Stift Neukloster in Wiener Neustadt präsentieren sich den Blicken der Besucher/innen in einer der Vitrinen im Inneren der Kunst- und Wunderkammer zwölf farbenprächtige und gut erhaltene hohle Wachsfrüchte. Sie stammen aus der Zeit nach 1855 und können durch die vorhandene Nummerierung auf den Oberflächen und die realistische Gestaltung der Fruchtsorten, zu denen Zwetschken, Äpfel, Zitronen oder Kriecherl gehören, ebenfalls als Träger und Vermittler von Wissen gesehen werden.
Ein etwas anderes, aber ebenfalls in gewisser Weise vom Interesse an der Natur geprägtes Motiv für das Sammeln von künstlich hergestellten Früchten fand sich in den Kunst- und Wunderkammern der Stifte Göttweig, Neukloster und Kremsmünster. Dort standen nicht etwa die naturalistische Darstellung und die Wissensvermittlung im Fokus, sondern die Visualisierung einer zusammengestückelten, göttlich erschaffenen Welt im Kleinen, die einem ausgewählten Kreis an Besucher/innen durch die Sammelnden eröffnet werden konnte [5], sowie der Memento-mori-Gedanke. Stift Göttweig kann diesbezüglich 20 polychrom gefasste, massive Steinskulpturen vorweisen, von denen ein Apfel und ein Pfirsich im Kunst- und Wunderkammerinventar von 1740 in Teil A genannt werden [6]. Zu welchem Zeitpunkt die restlichen Früchte in Stiftsbesitz gelangten, ist zum momentanen Zeitpunkt nicht bekannt.
Ein überaus aussagekräftiges Werk, das während meiner Recherchen zu mehreren Ausbrüchen überschwänglicher Freude führte, stellt jenes von Bernhard Schwindel (1787–1856) aus dem Jahr 1855 dar. Es trägt den Titel Verzeichnis der Antiquitäten, Kunstgegenstände und anderer Merkwürdigkeiten im Stifte Neukloster zu W. Neustadt 1855 und nennt gleich mehrere Arten von künstlichen Früchten mit ihrer räumlichen Verortung in der ehemaligen Kunstkammer: Im Saal IV hatte man 15 Seifenfrüchte aus Wien von 1855, 17 Tonfrüchte von 1847 und zwei marmorne, fruchtbesetzte Schwersteine aus dem 17. Jahrhundert zwischen herrschaftlichen Möbeln und kostspieligen Sammelobjekten arrangiert [7]. Die Objektart der Schwersteine führt uns weiter zum Stift Kremsmünster, wo neben sechs losen polychrom gefassten Früchten aus Stein auch eine rötlich geäderte Marmorpyramide mit neun befestigten Steinfrüchten zu finden war (Abb. 2). Dass es sich hierbei um einen Schwerstein handelt, der zum Beschweren von Schriften und Ähnlichem diente, ging aus dem Vergleich mit den beiden Schwersteinen von Stift Neukloster hervor.

Abschließend kann die dekorative und täuschende Wirkung von nachgebildeten Früchten nicht geleugnet werden, was sich auch in den Quellen niederschlug. So spricht Carl August Böttiger (1760–1835) 1796 davon, dass Wachsfrüchte auf Tafeln, Gesimsen oder Konsolen als Verzierungskunst genutzt wurden [8]. Und auch der erzbischöfliche Hof in Salzburg war offensichtlich nicht vor dem Reiz täuschender Fruchtimitationen gefeit. Anfang des 18. Jahrhunderts hatte beispielsweise jemand in den Räumlichkeiten der Residenz eines von drei […] Kerbl mit undschiedlichen früchten auß Wax […][9] nicht etwa in der Kunst- und Wunderkammer, sondern im Gang der großen Galerie, die vorwiegend bildliche Darstellungen beherbergte, platziert. Der Korb dürfte frei im Raum, ohne die Barriere einer Glasvitrine und möglicherweise sogar am Boden stehend, zu sehen gewesen sein, da nichts von einem Podest oder dergleichen im Guardarobba Inventar von 1717 erwähnt wird. Der scherzhafte Effekt auf vorüberschlendernde Kunstinteressierte, die plötzlich mit einem vermeintlichen Snack konfrontiert wurden, bleibt der Imagination überlassen. Man könnte dabei jedoch leicht an die moderne Kunstinstallation von Maurizio Cattelan denken, wobei die verlockende Präsentation einer Banane im Ausstellungsraum der ein oder anderen Frucht bereits den Weg in den Magen von Besucher:innen bescherte. [10]
Teresa Kraxberger hat sich ausführlich mit diesem Thema in ihrer Masterarbeit beschäftigt: Teresa Kraxberger, Zwischen Schabernack und Besitzerstolz. Mimetische Speisen im neuzeitlichen Spannungsfeld von Tischkultur und Sammelleidenschaft mit dem Fokus auf Fruchtimitationen, Salzburg 2025.
[*Titel] Johann Volkmar Sickler, Vorschlag zur bessern Ausführung des Plans des Teutschen Obst=Gärtners, vom Herrn Kammerherrn und Ritterrath Freyherrn von Köniz zu Untersiemau bey Coburg, in: Der teutsche Obstgärtner, Bd. 2 (1794), 161–165, hier 163.
[1] BRITISH MUSEUM, Terracotta model of a basket containing various fruits, Inv.nr. 1864, 1007.11, online unter: https://www.britishmuseum.org/collection/object/G_1864-1007-11 am 8.5.2024.
[2] Klaus Schuh / Ute Schuh, 150 Jahre Arnoldisches Obstkabinett – eine Obstsortenausstellung der besonderen Art, in: Abhandlungen und Berichte des Museums der Natur Gotha, 24 (2006), 3–12, hier 4.
[3] Enrico BALDINI, Frutti da museo: Gesso e cera al servizio di Pomona, in: Thommaso Eccher (Hg.), La Collezione Garnier Valletti dell’Istituto di Coltivazioni Arboree patrimonio artistico dell’Universita degli Studi di Milano, Mailand 1998, 3-30, hier 5.
[4] OÖLA, Musealarchiv, Landwirtschaft, Manuscripte vom Chorherrn Josef Schmidberger St. Florian 1836- 1838, Fsz. 2, Sch. 68, Vorwort Rückseite – lose nach paginierter S. 1 beiliegend.
[5] Margot RAUCH, Gesammelte Wunder. Die Naturobjekte in den Kunstkammern und Naturalienkabinetten des 16. und 17. Jahrhunderts, in: Wilfried Seipel (Hg.), Die Entdeckung der Natur. Naturalien in den Kunstkammern des 16. und 17. Jahrhunderts, Wien 2006, 11–16, hier 11.
[6] ARCHIV STIFT GÖTTWEIG, Inventar der Wunderkammer, A-Teil 1, fol.44r.
[7] ARCHIV STIFT HEILIGENKREUZ, Bernhard Schwindel, Verzeichnis der Antiquitäten, Kunstgegenstände und anderer Merkwürdigkeiten im Stifte Neukloster zu W. Neustadt 1855, K 413, 62 und 66.
[8] Carl August BÖTTIGER, Die Wachsfrüchte des Alterthums. Ein archäologischer Versuch, in: Journal des Luxus und der Moden, Jg. 11 (1796), 75–86, hier 76.
[9] LANDESARCHIV SALZBURG, LANDESARCHIV SALZBURG, Inventarium. Über jenige zur Hochfürstlichen Guarda=robbagehörig und dermahlen in Verwahr=Verantwortt= und verraittung des Hochfürstlichen Truchsess und Ober Guarda=robba Johann Casparn von Dürnhardtstain haffent auch sowoll alda zu Hoff, als andern Orthen legent befindliche sachen, welche aus gnädigster Verordnung des Hochwürdigisten Hochgebohrnen des Heyl. Röms. Reichs Fürsten, und Herrn Herrn Francisci Antonii Erzbischoffen zu Salzburg (…), Salzburg 1717, Geheimes Archiv, XXIII 69., fol. 139v.
[10] Richard WHIDDINGTON, Someone Has Eaten Maurizio Cattelan`s $6.2 Million Banana – Again, online unter: https://news.artnet.com/art-world/maurizio-cattelan-comedian-banana-eaten-pompidou-metz-2669084 am 27.11.2025.

