Wie beim beliebten Spiel „Schere – Stein – Papier“ dreht sich seit Jahrzehnten ein wissenschaftliches Hegemoniegeplänkel um die drei kulturellen Hauptüberlieferungsformen. Den Ausgangspunkt machte in den 1950er/60er Jahren der „linguistic turn“, wonach – sehr zugespitzt – soziale Wirklichkeit in erster Linie durch Sprache geformt werde. Im „iconic turn“ wurde ab den frühen 1990er Jahren versucht, der Allgegenwart von Bildern und den damit verbundenen Weltbildern eine entsprechende methodische Fundierung zu verleihen. Knappe zehn Jahre später kam mit dem „material turn“ die nächste – herbeibeschworene – Wende, nach der nun die Materialität des (menschlichen) Seins quasi der Urgrund menschlichen Fühlen, Denkens und Handelns wäre.
Diese wissenschaftlichen Perspektivenwechsel haben unser Denken über uns Menschen stark verändert, sie haben aber auch im Sinne von akademischen Strategien von Forschungsinstitutionen und Förderprogrammen zumindest in der akademischen Welt Wirkung entfaltet. Wie sah dies nun aber in der Vormoderne aus, welcher Manifestation wurde mehr Wirkmächtigkeit zugemessen? Zu diesem Zweck betrachten wir gemeinsam ein sogenanntes „Breverl“ aus den Sammlungen des museumkrems, das aktuell noch bis 17. Mai 2026 in der Sonderausstellung „Wie im Himmel, so auf Erden. Wie auf Erden, so im Himmel?“ zu sehen ist. Als Breverl wird in der Frömmigkeitsforschung eine breite Palette an Objekten angesprochen, die Amulett-Funktion hatten. Das hier präsentierte Breverl kommt in seiner Machart – ein Konvolut aus religiösen Kleindrucken mit eingeklebten Objekten im Zentrum – der Wortbedeutung am nächsten: Das Breverl ist vom lateinischen Wort breve (deutsch: kurz) abgeleitet und ist wiederum mit dem neuhochdeutschen Wort „Brief“ verwandt. Wie ein Briefkuvert kann auch dieses Objekt zusammengefaltet werden, womit der eigentliche Inhalt geschützt und verborgen ist.

Betrachten wir nun diesen Inhalt im geöffneten Breverl genauer, so sehen wir eine Zusammenstellung aus Darstellungen von Heiligen (Hl. Franziskus von Assisi, Hl. Antonius von Padua, Hl. Agatha, Hl. Drei Könige), der Gottesmutter Maria im Bildtypus der Immaculata, ein Kompositbild aus den Fünf Wunden Christi, dem Herzen Jesu, dem von sieben Schwertern durchbohrten Herzen Mariens und eine von der Schlange Satans umwundene (Welt-)Kugel, sowie zwei Kreuzdarstellungen mit eingeschriebenen Segensformeln und mit weiteren Heiligen als Assistenzfiguren. Das Zentrum bildet eine Collage aus eingeklebten Objekten und Schriftbändern, darunter ein „Sebastianspfeil“, eine Benediktusmedaille, ein rundes, siegelartiges, rotes Wachsobjekt, sowie ein Papierröllchen, in dem sich vermutlich eine Reliquie in Form eines Knochenfragments befindet.
Hier ist nicht der Platz, alle Motive und Objekte im Detail auszudeuten, soviel hier in Kürze: Jedem der Bilder, Textformeln und Objekte wurden spezifische Heils- und Schutzwirkungen zugeschrieben. Am einfachsten ist dies in den Schriftabschnitten in den Sockelzonen der Kreuzdarstellungen zu erkennen, die sich auf die darüber dargestellten Heiligen beziehen: So steht unterhalb der Figur des Hl. Ignatius von Loyola Contra Spiritus malignos – gegen die bösen Geister – und unter der Figur des Hl. Rochus Contra Pestem – gegen die Pest.
In Summe entsprechen diese Breverl in ihren Funktionen heutigen Universalversicherungen, die bei allerlei Ereignissen in Anspruch genommen werden – und dann im Idealfall auch die Leistungspflicht der Versicherung auslösen. Der Vergleich mit einer Versicherungspolizze gewinnt an Plausibilität, wenn man sich vor Augen hält, dass das breve / der Brief im Mittelalter und der frühen Neuzeit der geläufigste Begriff für Rechtsurkunden war. Wer also ein Breverl erwarb und dieses vielleicht auch noch weihen ließ, verließ sich darauf, dass hier ein Bund mit Gott, Maria und den Heiligen geschlossen wurde. Im Gegensatz zur modernen Polizze macht allerdings nicht nur der Versicherungstext samt Unterschrift den Vertrag aus, sondern alle hier versammelten Segensformeln, Bilder und Dinge. Sie alle haben im Glauben des*der Besitzer*in Anteil an den göttlichen Kräften. Diese können sich zwar in spezifischer Weise entfalten, was wiederum durch entsprechende Erzählungen und Praktiken verbürgt und überliefert ist. Die Zusammenstellung lässt allerdings keine Wertigkeit zwischen Wort, Bild und Ding erkennen. Damit geben uns die vormodernen Frömmigkeitsobjekte nicht nur einen Einblick in Denkformen und Praktiken in Zeiten, in denen das Leben viel fragiler war als heute; diese Dinge und die mit ihnen verbundenen Vorstellungen und Praktiken mögen auch als warnendes Beispiel vor einseitigen Betrachtungsweisen und Gewichtungen der vielfältigen Überlieferungsformen dienen.

