2024 fanden am Pfarrplatz in Krems an der Donau im Zuge der von Kanal- und Kabelleitungserneuerungen durch die Fa. ASINOE GmbH archäologische Untersuchungen statt. Dabei konnten über 300 Bestattungen des ehemaligen Kremser Pfarrfriedhofs dokumentiert und geborgen werden. Vereinzelt wurden bei den Bestatteten auch Beigaben aufgefunden. Als besonderer Glücksfall erwies sich der Fund eines Anhängers mit einem quadratischen Rahmen aus Buntmetall (Messing?), der an der Vorderseite eine – heute zerbrochene – Glasscheibe aufweist. Hinter dieser ist eine kleine gedruckte Grafik in Form einer sogenannten Pietà zu erkennen: In einem Medaillonbild liegt der Leichnam des vom Kreuz abgenommenen Christus im Schoß seiner Mutter Maria.
Welches Bild entsteht vor Ihrem inneren Auge, wenn Sie an einen mittelalterlichen Steinmetz denken? Das eines ausgelaugten Handwerkers, welcher auf der Baustelle oder in der Bauhütte Steinklötze bearbeitet und für seine mühevolle Arbeit schlecht oder gar nicht bezahlt wurde, geschweige denn Ruhm für sein Werk kassierte? Tatsächlich steht dieses weit verbreitete Bild in starkem Kontrast zu jenem, dass uns die überkommenen (Selbst-)Darstellungen der spätmittelalterlichen Steinmetz- und Baumeisterpersönlichkeiten vermitteln: Sie blicken uns selbstbewusst entgegen, halten ihre Werkzeuge stolz in ihren Händen und/oder präsentieren sich – wie der Nürnberger Bildhauer Adam Kraft († 1509) – als Stütze, ohne die das Werk nicht stehen, sprich existieren, könnte. 
Im ersten Moment wirkt dieses kleine Andachtsbildchen (8,5 x 5,5 cm) nur ein wenig, doch, umso länger man es betrachtet, immer befremdlicher. Es ist ein Ecce Homo-Motiv, wie uns die Schrift am Rande wissen lässt. Jesus also, der von Pontius Pilatus dem Volk vorgeführt wird. Der römische Statthalter von Jerusalem tat dies laut dem Johannesevangelium, um den geschundenen Leib als Argument dafür zu präsentieren, dass keine weiteren Strafen mehr vonnöten seien. Unser Andachtsbildchen zeigt nicht den ganzen Körper. Nur die stark stilisierten, befremdlich regelmäßigen Schweißtropfen im Schulterbereich des Portraits verweisen auf das körperliche Leiden.