Die Verkündigung des sogenannten Schottenaltars im Wiener Schottenstift zeigt einen im Fenster hängenden Käfig mit einem Stieglitz (Abb.1 und 2). Die Darstellung speist sich sowohl aus der lebensweltlichen mittelalterlichen Praxis der Vogelhaltung als auch aus den Bedeutungszuschreibungen an den Stieglitz oder Distelfink. Singvögel vertreten verschiedene Semantiken im Mittelalter. Der Gesang der Vögel gilt als liminale Instanz zwischen Transzendenz und Immanenz; entsprechend figurieren die Sing- und Sprechvögel in der mittelalterlichen Literatur als Boten von Offenbarungen und Prophezeiungen. Zudem wird ihnen eine lebensspendende Kraft bezüglich der natura zugesprochen. Im altfranzösischen Lai d’Oiselet aus dem 13. Jahrhundert fliegt ein Vogel täglich in einen immergrünen, wunderbaren Garten, um ihn mit seinem Gesang zum Blühen zu bringen und zu (re)vitalisieren.


Der Stieglitz, welcher häufig in Bildern der Madonna mit dem Kind inseriert wird (u.a. von Raffael und Leonardo), fungiert als attributiver Hinweis auf die Passion Christi, genauer gesagt auf die Dornenkrone. Für diese Semantik werden zwei seiner zoologischen Marker verbunden, die Farbe seines Federkleids und seine Nahrung. Das rote Gefieder auf seinem Kopf soll auf eine Kontamination mit dem Blut Christi zurückgehen, während die Samen der Distel, die vor allem die Jungvögel bevorzugen, auf die Dornen verweisen (Abb.3). Aus dem Grund ist der Stieglitz auch innerhalb von Bildern dargestellt, in denen Christus die Dornenkrone trägt (Beweinung Christi, 1490-1500, St. Paul im Lavanttal, Stiftssammlung).

Die Ankündigung der Passion vertritt in der Verkündigung des Schottenretabels bereits das kleine Christuskind selbst, das mit dem geschulterten Kreuz aus der Richtung Gottvaters durch ein zweites Fenster in das Interieur der Verkündigung einfliegt. Auf der gleichen Höhe wie der Stieglitz ist die Heiliggeisttaube mit ausgebreiteten Flügeln über das Haupt der Maria gesetzt; die gedachte horizontale Linie zieht sich nach rechts bis zu den ausgebreiteten Flügeln der Engel. Eine weitere Deutungsmöglichkeit wäre entsprechend, dass der Stieglitz die Botenfigur gleichsam doppeln und so zusätzlich den Offenbarungscharakter der Verkündigung vertreten soll. Innerhalb der Disposition des Bildraums scheint der Vogel zunächst eindeutig dem Inventar des Interieurs und damit Maria zugeordnet zu sein. Zwar befindet er sich in der Laibung des Fensters, d.h. selbst auf der Grenze zwischen dem den Logos empfangenden Raum und dem Außenraum, nimmt das Ereignis jedoch nicht wahr und scheint durch das nur ihm zugeordnete Fenster in ein weiteres Szenario der Transzendenz zu schauen. Die natura mit Vegetation und Fluss oder See ist auch hier von einem goldfarbenen Himmel überfangen. Maria wiederum sitzt vor und unter einem sie nobilitierenden Baldachin aus einem schwarz-goldenen Brokatstoff. Dieser weist ein aufwändiges Muster auf, und die kostbaren einzelnen goldenen Fäden sind gut zu erkennen.
Im Hoch- und Spätmittelalter wurden vor allem an den Höfen Singvögel in Käfigen gehalten. Im Stundenbuch der Katharina von Kleve (um 1440, New York, Morgan Library, Ms. 917, fol. 247) ist auf fol. 1v. ein Käfig in Form eines liegenden, größeren Zylinders mit einem Drehmechanismus samt Kurbel abgebildet, der bei Betätigung den Vogel zum Flattern und damit zum Ausbreiten seines Gefieders zwingt. Offenbar wollte man die Vögel bei Hof nicht nur auf der Stange sitzend, sondern auch die Bewegungen ihres Fluges und nicht zuletzt die Spannbreite und die farbliche Zeichnung der ausgebreiteten Flügel sehen. Der Stieglitz ist in dieser Hinsicht ein besonderer Vogel (Abb.3). Die angelegten, geschlossenen Flügel lassen den Unkundigen nicht erahnen, welches Schauspiel sich bei ihrer Öffnung entfaltet. Das mittlere Drittel der Schwingen ist von einem strahlenden Goldgelb gekennzeichnet, das wie selbstleuchtend wirkt. Je nach Schwung der Flügel, Haltung des Vogels und Perspektive des Betrachters ergibt sich ein im Schwarz der anderen Federpartien aufleuchtender, beeindruckender Strahlenkranz. Der Eindruck von einzelnen Strahlen entsteht durch den Umstand, dass nur die Außenfahne der Schwungfedern goldgelb gezeichnet ist, ansonsten würde man eine einheitlich gelbe Fläche sehen. So aber sind die einzelnen Schwungfedern strahlenförmig in Szene gesetzt, wie auch die einzelnen Goldfäden aus dem Schwarz des Brokatstoffes hinter der Marienfigur das Licht reflektieren und so erst die Stofflichkeit sichtbar machen. Da die Schwungfedern durch die Deckfedern bei angelegten Flügeln nahezu verdeckt sind, sieht man an dem sitzenden Vogel nur einen kleinen Streifen dieses leuchtenden Gelbs, der gleichwohl ein Erkennungszeichen des Stieglitzes ist. Und tatsächlich ist dieses Merkmal im Bild der Verkündigung sehr deutlich dargestellt; allerdings hat der Künstler es zu drei sichtbaren Strahlen erweitert, wohl um die ‚Offenbarung‘ des Strahlenkranzes bei Öffnung der Flügel anzudeuten (Abb.2).

Es ist kaum vorstellbar, dass gerade die BetrachterInnen des Spätmittelalters bei Sicht auf die ausgebreiteten Schwingen des Stieglitzes nicht an eine weit verbreitete Marienikonographie dachten, die Madonna auf der Mondsichel bzw. die Strahlenkranzmadonna (Abb.4). Mehr noch: Solche Ähnlichkeiten zwischen der natura und den Evidenzerzeugungen der Heiligen Schrift wurden nicht als zufällig, sondern als vom Schöpfergott intendiert angesehen. Die Ikonographie beruht auf der Beschreibung der sogenannten apokalyptischen Frau der Johannesversion in der Offenbarung, die mit der Madonna identifiziert wurde. Die „Bekleidung mit der Sonne“ (Offb. 12,1) wurde als Strahlenkranz dargestellt. Die BetrachterInnen, die das aufgespannte Gefieder des Stieglitzes kannten und im Zusammenhang der dies suggerierenden ausgebreiteten Flügeln von Heiliggeisttaube und Engel zu imaginieren in der Lage waren, konnten die Verkündigung gleichsam in ihrer eschatologischen Dimension zu einer ‚Vision‘ der Mondsichelmadonna erweitern. Im semantischen Hintergrund der Verkündigung ist somit eine zweite, subtil angelegte weitere Offenbarung angelegt, welche die erste in ihrer heilsrelevanten Bedeutung gleichsam abschließt. Das Beispiel zeigt, wie eng die Natur und ihre Wahrnehmung, kulturell überformte Natur (gefangener und gemalter Vogel) und die Wissenskulturen des (Spät)Mittelalters miteinander verlinkt sind.
Passionsikonographie, Botenthematik, Liminalität zwischen Transzendenz und Immanenz und der eschatologische Aspekt des Strahlenkranzes – all dies sind Optionen für eine Wahrnehmung und Auslegung des Bildes, die in dem dargestellten Stieglitz angelegt sind und von denen keine ‚richtig‘ oder ‚falsch‘ sind. Das Bild will nicht eindeutig lesbar sein, sondern macht Angebote für Deutungen: So bleibt es für Bildexegesen durch den/die BetrachterIn je nach Kontext offen und wird in den jeweiligen Zuschreibungen sinnstiftend.

