

Wie kam es dazu, dass aus der Hölle Pop wurde? Wie konnte das, was einst einen existenziellen Schrecken bereitete, zur Unterhaltung werden? Das Projekt ‚Virtualizing Hell‘ untersucht Einflüsse auf Texte der deutschsprachigen Höfe des Hoch- und Spätmittelalters und die dort entstehende Ästhetik – ohne im Voraus zu postulieren, dass sich diese Ästhetik grundlegend von unserer modernen unterscheiden muss. Die analysierten Texte sind mittelhochdeutsche Übersetzungen und/oder Adaptionen der zumeist im Original lateinischen Jenseitsreisen (hauptsächlich die Visio Sancti Pauli, die Visio Tnugdali und die Visio Lazari) und Texte anderer Gattungen, die bestimmte Themen, Motive oder mediale Konstellationen dieser Jenseitsreisen widerspiegeln.
Der theoretische Ansatz arbeitet dabei mit einer systematischen Definition von ‚Virtualität‘, die moderne philosophische Definitionen auf ihre historischen Grundlagen zurückführt und mit pragmatischen Ansätzen der Spielwissenschaft kombiniert. Virtualität erscheint in dieser Ausrichtung als eine Wirkweise von Nicht-Materiellem, das in Referenz auf seine Möglichkeit durchaus real wirkt. Damit wird eine bestimmte Art der Rezeption betont, welche die literarischen Höllenreisen ab dem Hochmittelalter in ein System höfischer Unterhaltung einbezog und zugleich dieses System auf virtuelle Art und Weise veränderte. Literatur-soziologisch wird die Hölle dadurch zu einer Art von Laboratorium, in dem unter negativem Vorzeichen (alles, was in der Hölle passiert, muss negativ sein) Freiräume des Denkens und der Imagination erschaffen wurden (alles, was vorstellbar ist, könnte Wirklichkeit werden).
Das Projekt startete am 01. Dezember 2025 und wird bis Ende 2027 eine Monografie und eine thematisch ausgerichtete Tagung (u. a. in Zusammenarbeit mit dem SFB 1567 ‚Virtuelle Lebenswelten‘) vorlegen.
