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Brotkrumen für die Armen?

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  • Projektlaufzeit : 2016 - 2018
  • Projektleitung : Ingrid Matschinegg
  • Projektausführung : Sarah Pichlkastner

Brotkrumen für die Armen?

Ungleichheit im Spiegel institutionalisierter Nahrungsversorgung für Arme in Spätmittelalter und früher Neuzeit



In mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Fürsorgeeinrichtungen zählte neben der Bereitstellung einer Unterkunft die Versorgung mit spiritueller und leiblicher „Nahrung“ zu den wichtigsten Leistungen. Die oft als Spitäler bezeichneten Institutionen waren meist multifunktional (Altenheim, Waisenhaus, Behinderteneinrichtung usw.), jedoch in den wenigsten Fällen bereits auf Krankenversorgung ausgerichtet. Nach Kloster- oder Ordensspitälern entstanden ab der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts in vielen Städten und Märkten Spitäler („Bürgerspitäler“), die in der Regel der Versorgung verarmter BürgerInnen dienten, sowie auch so genannte Siechenhäuser, in denen zunächst Personen mit ansteckenden Krankheiten (vor allem Lepra) und ab dem 16. Jahrhundert meist nicht-bürgerliche Arme untergebracht waren.

Daneben existierten etwa auch grundherrschaftliche Spitäler für arme UntertanInnen. Das Teilprojekt „Brotkrumen für die Armen?“ beschäftigt sich mit der Ernährungssituation in derartigen Einrichtungen vom 14. bis zum 17. Jahrhundert im damaligen Österreich unter der Enns (heutiges Niederösterreich mit Hauptstadt Wien). Abgesehen von Quellen solcher Institutionenstehen der Forschung für arme Bevölkerungsschichten kaum überlieferte Dokumente, bauliche Hinterlassenschaften oder materielle Ausstattungen („Dinge“ im weitesten Sinn) zur Verfügung, die über deren Ernährung Aufschluss geben. Während die Ernährungssituation in frühneuzeitlichen Fürsorgeeinrichtungen zumindest ansatzweise erforscht ist, betritt das Projekt aufgrund des im Mittelalter beginnenden Untersuchungszeitraumes „Forschungsneuland“.

Für das heutige Niederösterreich ist die mittelalterliche und frühneuzeitliche Spitallandschaft allgemein noch wenig erforscht, wodurch auch die dortige Ernährungslage bisher weitestgehend im Dunkeln liegt. Im Rahmen des Projekts sollen von den mehr als hundert momentan nachweisbaren Einrichtungen zwei bis drei mit vergleichsweise guter Quellenlage exemplarisch untersucht werden. Anhand der verfügbaren Quellen wird dabei verschiedenen Fragestellungen nachgegangen, wobei neben sozial-, wirtschafts-, kultur- und umweltgeschichtlichen auch archäologische sowie kunst- und bauhistorische Perspektiven bzw. Erkenntnisse in die Untersuchung einfließen. Über welche Ressourcen verfügten die Spitäler, um die jeweilige Anzahl an Personen zu versorgen? Was wurde selbst produziert, was zugekauft? Was wurde wann, in welcher Menge, von wem und unter welchen Umständen gegessen? Wer war für Erwerb bzw. Produktion der Nahrungsmittel sowie für deren Zubereitung zuständig? Wie sahen die räumlichen Gegebenheiten und die materiellen Ausstattungen aus? Die „Stimmen“ der versorgten Menschen selbst werden dabei in Bezug auf ihre Ernährungssituation vermutlich – abgesehen von zu erhoffenden Zufallsfunden – vor dem 17. Jahrhundert anhand der Quellen kaum zu rekonstruieren sein.

Titelbild: Bürgerspital Horn, 17. Jh.
Foto: S. Pichlkastner

Rauchküche im ehemaligen Bürgerspital Eggenburg (Foto: Peter Böttcher)

Vor 1700 gegründete Fürsorgeeinrichtungen in Wien und Niederösterreich (Entwurf: Sarah Pichlkastner, Erstellung: Ralf Gröninger)

Publikationen, die aus dem Projekt hervorgegangen sind:

Sarah Pichlkastner, Ingrid Matschinegg, Zwischen gesicherter Nahrung und gar zu klain gemachten knedeln: Die Ernährungssituation in Fürsorgeeinrichtungen im (Erz-)Herzogtum Österreich unter der Enns vom 14. bis zum 17. Jahrhundert – eine Projektskizze. In: Medium Aevum Quotidianum 73 (2016), 56 – 87.

Sarah Pichlkastner, Bier, Wein, Kapitalien – aber Insassinnen und Insassen? Das Wiener Bürgerspital zwischen wirtschaftlichem „Großunternehmen“ und karitativer Versorgungseinrichtung in der Frühen Neuzeit. In: Historia Hospitalium 30 (2017), 305–318.

Sarah Pichlkastner, Beer, Cereals, Credit Business, Subject, Wine – but Inmates? Searching for Inmates in the Archival Sources of the Early Modern Viennese Civic Hospital. In: Historia Hospitalium 30 (2017), 189–193.

Sarah Pichlkastner, Ernährung und soziale Ungleichheit in einem ‚besonderen‘ Haus. Die Food Links des Klosterneuburger Bürgerspitals in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts In: Object Links – Dinge in Beziehung, hg. vom Institut für Realienkunde des Mittelalters und der frühen Neuzeit (Formate. Forschungen zur materiellen Kultur 1), Wien 2019, S. 127–154.

Sarah Pichlkastner, Healthy Food in Hospitals? The Diet of Inmates in Early Modern Welfare Institutions in Vienna and Lower Austria, in: Historia Hospitalium 32 (2019) [im  Druck].

Sarah Pichlkaster, Spitäler und Ernährungssicherheit (food security) in Spätmittelalter und Früher Neuzeit. Eine exemplarische Untersuchung zu kommunalen Fürsorgeinstitutionen im heutigen Niederösterreich, in: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 2 (2019) [im Druck].